
Foto: Bernard Polet, cc by-nc-nd
Ausstellung
!Mediengruppe Bitnik - Our Man in IndiaEinzelausstellung der !Mediengruppe Bitnik aus Zürich, die für [plug.in] ein neues Projekt entwickelte.
Die !Mediengruppe Bitnik gehört nicht erst seit ihrer aufsehenerregenden Aktion „Opera Calling“ (2007) zu den herausragenden Stimmen junger Kunst in der Schweiz, die mit elektronischen Medien arbeitet. Mit ihren prozessorientierten Aktionen zeigen sie meisterhaft das Durchdrungensein unseres Alltags mit Medien und deren Technologien und dessen Zusammenhang mit gesellschaftlichen Grundsatzfragen. Zentral ist dabei die Taktik des Hacking, definiert als „clevere Lösung für ein interessantes Problem“ bzw. „ein System so gebrauchen, wie es nicht gedacht ist“.
In „Opera Calling“ versteckten sie Wanzen im Zürcher Opernhaus und führten damit – unter dem Motto „Arien für Alle“ per Telefon Direktübertragungen in zufällig ausgewählte Haushalte durch. Die Öffnung des Systems Opernhaus – das aus der Presse von der Aktion erfuhr und prompt mit Klagen drohte – mit einem Hack stellte Fragen nach den Eigentumsrechten von Kultur.
In ihrem Projekt für [plug.in] stellt sich die !Mediengruppe Bitnik dem „interessanten Problem“ der Beschaffenheit von Arbeit und Kommunikation unter den Bedingungen globaler Arbeitsteilung, von Outsourcing und Telepräsenz. Das Angebot des kommerziellen Outtasking eröffnet die Möglichkeit, temporär in Bangalore, Indien, ein neues Mitglied für die !Mediengruppe Bitnik zu aquirieren. Gemeinsam mit dem neuen Gruppenmitglied gilt es, die qualitativen Eigenschaften von Arbeit zu hinterfragen: Im gängigen System des Outsourcing werden vornehmlich repetitive Arbeiten an den Outsourcing-Partner abgegeben. Die konzeptuelle, planende Arbeit aber bleibt gewöhnlich weiterhin beim Auftraggeber.
Bitnik beauftragt den indischen Partner, auf Stellenangebote aus Europa anstatt mit einer Bewerbung mit einer persönlich begründeten Absage zu antworten, die Angebote also als persönliche Aufforderung misszuverstehen. Dieses Zurückwerfen des globalisierten Arbeitsmarktes auf das Individuelle geschieht aber nicht aus dem persönlichen Bedürfnis dieses Individuums, sondern als Simulation dieses Vorgangs, der dann als Auftrag innerhalb des Settings des globalen Outsourcing selbst stattfindet. !Mediengruppe Bitnik gebraucht dieses System so, wie es nicht gedacht ist, fordert dieses dadurch heraus und macht Mechanismen globaler Arbeitsteilung erfahrbar.
In der Ausstellung ist der Schreibvorgang des outgesourcten Gruppenmitglieds in Echtzeit zu sehen (in Form von Text, der sich am Bildschirm aufbaut, als Spiegelung des Dokumentes auf seinem Bildschirm). Der Teleworker bleibt unsichtbar, sein Tun wird aber als Arbeit im Entstehen im Ausstellungsraum erfahrbar. Die Stellenausschreibungen und Briefe werden zudem laufend ausgedruckt. So wird im Verlauf der Ausstellung die Korrespondenz als gesamter geleisteter Outsourcing-Auftrag ebenso wie als Teil der künstlerischen Arbeit sichtbar.
Zur Ausstellung finden zwei «A Hack a Day»-Workshops statt. !Mediengruppe Bitnik lädt zur Workshopreihe «A Hack a Day» seit 2007 KünstlerInnen ein, mit den Teilnehmenden einen kleinen Hack zu veranstalten. Ins [plug.in] sind Adnan Hadzi, James Stevens und Alejandro Duque eingeladen. Die Teilnahme ist kostenlos. Links zu weiteren Informationen finden Sie unten an diesem Eintrag.
Kurator der Ausstellung: Raffael Dörig
Das Projekt wurde grosszügig unterstützt von Migros Kulturprozent.
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