Kunst hat viel damit zu tun, Denkmuster aufzubrechen
Anlässlich von Cornelia Sollfrank's Präsentation in [plug.in] traf die Basler Zeitung mit der Künstlerin zusammen und befragte diese zu ihrer Arbeit und zu Fragen des Copyrights.
(Ausführliche Version des Interviews siehe unten)
Die Netzkünstlerin Cornelia Sollfrank über verletzte Urheber, selbstverliebte Hacker und weshalb Maschinen die besseren Künstler sind.
Cornelia Sollfrank, 41, ist Künstlerin, Hackerin, Theoretikerin und «Cyberfeministin». Als Netzkünstlerin der ersten Generation sorgte sie 1997 anlässlich eines Netzkunst-Wettbewerbs für Aufsehen, als sie 120 fiktive Bewerbungen mit «Werken» einschickte, die mehr oder weniger zufällig aus dem Internet collagiert waren. Mit subversiven Aktionen klinkt sich die in Celle und Hamburg lebende Sollfrank immer wieder in den Kunstbetrieb ein und hinterfragt gängige Vorstellungen von Autorschaft, Werk und Original.
BaZ: Frau Sollfrank, sind Sie Mitglied einer Urheberrechtsgesellschaft, die Ihre Werke schützt?
Cornelia Sollfrank: Nein, bin ich nicht.
Aus Überzeugung?
Aus reiner Naivität. Da ich keine traditionelle Bildproduktion betreibe, habe ich mir eigentlich nie Gedanken darüber gemacht. Meine Arbeiten sind selten für die Ewigkeit. Ich halte mich eher in Zwischenräumen auf und versuche, mittels Interventionen im Netz oder Performances die Bedingungen des Betriebssystems Kunst aufzuzeigen.
Sie schaffen aber auch Werke....
...nur aus Versehen (lacht)!
...die sie aus bestehenden Bildern oder Texten vom Computer zusammenstellen lassen. Ist das Internet ein Raum ohne geistiges Eigentum?
Nein, über diese Phase sind mittlerweile alle hinweg. Aber ich wehre mich gegen die totale Regulierung. Natürlich hat jeder Künstler das Recht, sein Werk vor kommerzieller Ausbeutung zu schützen. Aber das anarchistische «Ich nehme mir, was mir gefällt» hat auch seinen Reiz und ist natürlich viel sexier, als sich mit Lizenzen herumzuschlagen. Heute werden im Netz viele Freiräume eingegrenzt und rechtlich definiert, dabei entstehen teilweise Regelungen, die kompletter Unsinn sind. Da darf man durchaus Provokationen betreiben, um vielleicht auch Einfluss auf die Rechtsprechung zu gewinnen. Man kann nur hoffen, dass so viel Kunst jenseits ihrer Kategorien produziert wird, dass sie gar nicht so viele Prozesse führen können, um all dies zu verbieten.
Kann denn die künstlerische Realität den Hütern des Copyright gefährlich werden?
Wahrscheinlich eher nicht. Politisch stehen wir in einer Phase zunehmender Regulierung. Aber gegen die mitunter absurde Einschränkung künstlerischer Freiheit regt sich in der Szene auch Widerstand: Vor zwei Wochen war «Gray Tuesday», die erste weltweite Solidaritäts-Aktion für einen Künstler, der von EMI verklagt wurde, weil der das «White Album» der Beatles und das «Black Album» des Rappers Jay-Z zu einem «Grey Album» zusammengemixt hatte. Fast 500 Server haben das Werk in einer koordinierten Protestaktion zum Herunterladen angeboten.
Auch ausserhalb des Netzes toben in Sachen Urheberschaft derzeit hef-tige Debatten. Das «Authentication Board», das über das Copyright von Andy Warhol wacht, spricht einem Teil seines Nachlasses den Werkstatus ab: Warhol habe diese Drucke nicht autorisiert.
Diese Trennung von Original und Fälschung ist absurd, sie beruht auf einer fast religiösen Vorstellung: Eine beliebige Tasse geht durch die Hände von Warhol, Duchamp oder Beuys, und schon geht auch der Geist des Meisters darauf über. Es gibt ja auch Bilder von Rembrandt oder Vermeer, die über Jahre in einem Museum ehrfürchtig bewundert wurden. Plötzlich merkt jemand, dass sie nicht vom Pinsel des Meisters selbst stammen - sofort verlieren sie über Nacht ihren Wert und ihre Aura. Die Sinnlichkeit, der ästhetische Genuss eines Werkes wird offensichtlich mehr von der intellektuellen Erkenntnis bestimmt, als die meisten zugeben mögen. Solche Phänomene im Kunstbetrieb faszinieren mich sehr.
Die Idee des Künstler-Genies gilt ja längst als überholt - jedenfalls in der Theorie. Haben Duchamp, Beuys oder Warhol in der Praxis versagt?
Das sind erst mal lauter männliche Genies, die ein grosses Werk hinterlassen haben... (lacht). Die Botschaft vom Tod des Autors darf man natürlich nicht so wörtlich nehmen. Das Kunstsystem kennt alle möglichen Parameter. Als Denkmodell finde ich es interessant, ein solches Parameter wie den Autor oder das Werk wegzulassen oder seine Funktion zu verändern, um zu sehen, was dann passiert. Es hilft mir, meine Position zu reflektieren. Die geniale Künstlerin zu spielen, die ihre grossen Gefühle der Welt mitteilt oder langweilige Bürger erschreckt, ist mir dann doch zu naiv oder banal.
Statt grosser Gefühle also graue Theorie?
Nein, nicht in der Umsetzung. Das sind ja direkte Interventionen. Ich begreife mich als Hackerin, die sich Zutritt ins Kunstsystem verschafft, um dessen Bedingungen sichtbar zu machen. Wenn ich mit einer Intervention merkbar etwas gestört oder sichtbar gemacht habe, brauche ich kein blödes Artefakt, das übrig bleibt und das man nachher ins Museum stellen könnte - man denke nur an Beuys. Werke sind für mich Ausdruck von Ideen, der handwerkliche Aspekt war für mich nie wichtig. Sehr viele radikale Ideen waren ja schon da - und viele Künstler gehen immer wieder weit hinter diese Ideen zurück. Deshalb ist die meiste Kunst auch todlangweilig! Ich gehe ins Museum und schlafe ein. Das treibt mich an, mit den Ideen der Avantgarde und den Möglichkeiten der Neuen Medien etwas wirklich Neues zu kreieren.
Sie sagten jüngst, der Kunstbetrieb habe die Netzkunst zerstört.
Die Netzkunst hat 1997 ihre eigene Ökonomie verloren, und damit war ihre interessanteste Phase vorbei. 1997 fand die Documenta in Kassel statt, an der erstmals ausgewählte Netzkünstler eingeladen wurden, und es gab einen Wettbewerb in Hamburg, an dem erstmals Netzkunst juriert wurde. Diese für die Szene völlig neue Logik der Hierarchisierung störte ganz empfindlich das Gleichgewicht. Geärgert hat mich vor allem, dass sich viele Pioniere von damals dieser Problematik verweigert hatten: Unter dem aufkommenden Druck versuchte jeder nur, so viel wie möglich für sich selbst herauszuschlagen.
Sie selbst gingen in den Widerstand - und wurden in den Medien zur gefeierten Hackerin.
Das war nach der Aktion «Female Extension», als ich den erwähnten Wettbewerb durch 120 fiktive weibliche Bewerbungen ad absurdum führte. Der Begriff trifft meine künstlerische Haltung nicht schlecht, auch wenn ich erst später begann, mich vertieft mit der Hacker-Kultur zu beschäftigen. Im technischen Sinn bin ich keine Hackerin - dafür müsste man all seine Zeit in die Technik investieren, und dazu habe ich keine Lust. Für mich ist Hacken eher ein Denksport: Ich will ein System begreifen und Strategien finden, mit denen ich intervenieren, eine Funktionsweise spiegeln kann.
Der Netzkunst wird vorgeworfen, sie beschäftige sich nur mit sich selbst.
Ich bin eine grosse Kritikerin der Medienkunst, die sehr oft an der Oberfläche bleibt und viele schöne bunte Bilder produziert, ohne sich mit dem zu beschäftigen, was sich darunter befindet. Das Funktionieren unserer Gesellschaft beruht heute auf der grösstmöglichen Abstraktion - auf Nullen und Einsen. Ich glaube den wenigsten Leuten ist wirklich bewusst, wie grundlegend der Computer unser Leben verändert hat. Alles wird von Computern gesteuert; dem kann man sich heute nicht verschliessen, zuletzt in der Kunst.
Schöne bunte Bilder produzieren auch Sie - mit ihrem «Net-Art Generator».
Es geht darum, im Netz mit Hilfe von Suchmaschinen neue Werke - Bilder oder Texte - aus vorgefundenen Materialien zu generieren. Jeder kann einen Titel eingeben, die Suchmaschinen finden dazu Material und bauen es nach Vorgaben des Programms neu zusammen. Kunst hat viel damit zu tun, Denkmuster aufzubrechen. Das kann die Maschine viel unbeschwerter als der Mensch, der nie aus seinem Denken ausbrechen kann. Oder haben Sie sich schon mal Gedanken über den «verbalen Missbrauch von Blumen während eines Kongresses» gemacht? Die Dadaisten stehen für das Konzept Pate: Unsinn zu produzieren, um zu zeigen, wie Sinn überhaupt produziert wird.
Da passt es ja auch ins Bild, dass Sie Werke verkaufen, die andere mit Hilfe Ihres «Generators» produziert haben.
Das ist ein Mythos, der seit langem kursiert. Das habe ich so noch nie gemacht. Aber von mir aus kann das ruhig weiterverbreitet werden: Ja, ich tue das! Ich verkaufe Werke, die andere für mich gemacht haben...
Interview Alexander Marzahn
www.artwarez.org, www.obn.org, www.soundwarez.org/generator. Eine ausführlichere Version des Interviews finden Sie heute unter www.baz.ch
«Die meiste Kunst ist todlangweilig. Ich gehe ins Museum und schlafe ein.» Für Cornelia Sollfrank ist das ein Antrieb, «mit den Ideen der Avangarde und dem Potenzial der Neuen Medien etwas wirklich Neues zu kreieren.»
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Basler Zeitung, 11.03.04 Ausführliche Version
«Ich gehe ins Museum und schlafe ein»
Die Netzkünstlerin Cornelia Sollfrank über verletzte Urheber, selbstverliebte Hacker und weshalb Maschinen die besseren Künstler sind
Cornelia Sollfrank, 41, ist Künstlerin, Hackerin, Theoretikerin und «Cyberfeministin». Als Netzkünstlerin der ersten Generation sorgte sie 1997 anlässlich eines Netzkunst-Wettbewerbs für Aufsehen, als sie 120 fiktive Bewerbungen mit «Werken» einschickte, die mehr oder weniger zufällig aus dem Internet collagiert waren. Mit subversiven Aktionen klinkt sich die in Celle und Hamburg lebende Sollfrank immer wieder in den Kunstbetrieb ein und hinterfragt gängige Vorstellungen von Autorschaft, Werk und Original.
BaZ: Frau Sollfrank, sind Sie Mitglied einer Urheberrechtsgesellschaft, die Ihre Werke schützt?
Cornelia Sollfrank: Nein, bin ich nicht.
Aus Überzeugung?
Aus reiner Naivität. Da ich keine traditionelle Bildproduktion betreibe, habe ich mir eigentlich nie Gedanken darüber gemacht. Meine Arbeiten sind selten für die Ewigkeit. Ich halte mich eher in Zwischenräumen auf und versuche, mittels Interventionen im Netz oder Performances die Bedingungen des Betriebssystems Kunst aufzuzeigen.
Sie schaffen aber auch Werke....
...nur aus Versehen (lacht)!
...die sie aus bestehenden Bildern oder Texten vom Computer zusammenstellen lassen. Ist das Internet ein Raum ohne geistiges Eigentum?
Nein, über diese Phase sind mittlerweile alle hinweg. Aber ich wehre mich gegen die totale Regulierung. Natürlich hat jeder Künstler das Recht, sein Werk vor kommerzieller Ausbeutung zu schützen. Aber das anarchistische «Ich nehme mir, was mir gefällt» hat auch seinen Reiz und ist natürlich viel mehr sexy, als sich mit Lizenzen herumzuschlagen. Heute werden im Netz viele Freiräume eingegrenzt und rechtlich definiert, dabei entstehen teilweise Regelungen, die kompletter Unsinn sind. Da darf man durchaus Provokationen betreiben, um vielleicht auch Einfluss auf die Rechtsprechung zu gewinnen. Man kann nur hoffen, dass so viel Kunst jenseits ihrer Kateogrien produziert wird, dass sie gar nicht so viele Prozesse führen können, um all dies zu verbieten.
Kann denn die künstlerische Realität den Hütern des Copyright gefährlich werden?
Wahrscheinlich eher nicht. Politisch stehen wir in einer Phase zunehmender Regulierung. Aber gegen die mitunter absurde Einschränkung künstlerischer Freiheit regt sich in der Szene auch Widerstand: Vor zwei Wochen war «Gray Tuesday», die erste weltweite Solidaritäts-Aktion für einen Künstler, der von EMI verklagt wurde, weil der das «White Album» der Beatles und das «Black Album» des Rappers Jay-Z zu einem «Grey Album» zusammengemixt hatte. Fast 500 Server haben das Werk in einer koordinierten Protestaktion zum Herunterladen angeboten.
Auch ausserhalb des Netzes toben in Sachen Urheberschaft derzeit heftige Debatten. Das «Authentication Board», das über das Copyright von Andy Warhol wacht, spricht einem Teil seines Nachlasses den Werkstatus ab: Warhol habe diese Drucke nicht autorisiert.
Diese Trennung von Original und Fälschung ist absurd, sie beruht auf einer fast religiösen Vorstellung: Eine beliebige Tasse geht durch die Hände von Warhol, Duchamp oder Beuys, und schon geht auch der Geist des Meisters darauf über. Es gibt ja auch Bilder von Rembrandt oder Vermeer, die über Jahre in einem Museum ehrfürchtig bewundert wurden. Plötzlich merkt jemand, dass sie nicht vom Pinsel des Meisters selbst stammen - sofort verlieren sie über Nacht ihren Wert und ihre Aura. Die Sinnlichkeit, der ästhetische Genuss eines Werkes wird offensichtlich mehr von der intellektuellen Erkenntnis bestimmt als die meisten zugeben mögen. Solche Phänomene im Kunstbetrieb faszinieren mich sehr.
Die Idee des Künstler-Genies gilt ja längst als überholt - jedenfalls in der Theorie. Haben Duchamp, Beuys oder Warhol in der Praxis
versagt?
Das sind erst mal lauter männliche Genies, die ein grosses Werk hinterlassen haben... (lacht). Die Botschaft vom Tod des Autors darf man natürlich nicht so wörtlich nehmen. Das Kunstsystem kennt alle möglichen Parameter. Als Denkmodell finde ich es interessant, ein solches Parameter wie den Autor oder das Werk wegzulassen oder seine Funktion zu verändern, um zu sehen, was dann passiert. Es hilft mir, meine Position zu reflektieren. Die geniale Künstlerin zu spielen, die ihre grossen Gefühle der Welt mitteilt oder langweilige Bürger erschreckt, ist mir dann doch
zu naiv oder banal.
Statt grosser Gefühle also graue Theorie?
Nein, nicht in der Umsetzung. Das sind ja direkte Interventionen. Ich begreife mich als Hackerin, die sich Zutritt ins Kunstsystem verschafft, um dessen Bedingungen sichtbar zu machen.
Die Literaturwissenschaftlerin Martha Woodmansee vertritt die These, der Autor wird im Medienzeitalter wieder verschwinden. Also wird auch der Kunstmarkt, der ohne Stars und Namen nicht vorstellbar ist, bald untergehen...
Das wäre phantastisch für die Kunst (lacht)! Ernsthaft: Ich glaube das auch nicht. Man muss diese Thesen einfach in die Praxis übertragen und prüfen. Wenn ich mich selber abschaffe, dann habe ich ja auch ein Problem. Das heisst aber nicht, dass ich das Künstlerbild nicht verändern will. Die Idee des genialen Künstlers, das speziell in Deutschland bei der jungen Generation wieder weit verbreitet ist, bringt weder uns noch die Kunst weiter. Diese Künstler befriedigen genau das bürgerliche Bedürfnis nach dem Genie, das sich als Aussenseiter über Normen hinwegsetzt - und es sind die ersten, die später eine Professur kriegen, Beamte werden und vollkommen angepasst Marktbedürfnisse befriedigen.
Man muss sehr uneitel sein, um sich dem konsequent zu entziehen.
Meine Eitelkeit wird durch andere Dinge befriedigt. Wenn ich mit einer Intervention merkbar etwas gestört oder sichtbar gemacht habe, brauche ich kein blödes Artefakt, das übrig bleibt und das man nachher ins Museum stellen könnte - man denke nur an Beuys. Werke sind für mich Ausdruck von Ideen, der handwerkliche Aspekt war für mich nie wichtig. Sehr viele radikale Ideen waren ja schon da - und viele Künstler gehen immer wieder weit hinter diese Ideen zurück. Deshalb ist die meiste Kunst auch totangweilig! Ich gehe ins Museum und schlafe ein. Das treibt mich an, mit den Ideen der Avantgarde und den Möglichkeiten der Neuen Medien etwas wirklich Neues zu kreieren.
Sie sagten jüngst, der Kunstbetrieb habe die Netzkunst zerstört.
Die Netzkunst hat 1997 ihre eigene Ökonomie verloren, und damit war ihre interessanteste Phase vorbei. 1997 fand die Documenta in Kassel statt, an der erstmals ausgewählte Netzkünstler eingeladen wurden, und es gab einen Wettbewerb in Hamburg, an dem erstmals Netzkunst juriert wurde. Diese für die Szene völlig neue Logik der Hierarchisierung störte ganz empflindlich das Gleichgewicht. Geärgert hat mich vor allem, dass sich viele Pioniere von damals dieser Problematik verweigert hatten: Unter dem aufkommenden Druck versuchte jeder nur, so viel wie möglich für sich selbst herauszuschlagen.
Sie selbst gingen in den Widerstand - und wurden in den Medien zur gefeierten Hackerin.
Das war nach der Aktion «Female Extension», als ich den erwähnten Wettbewerb durch 120 fiktive weibliche Bewerbungen ad absurdum führte. Der Begriff trifft meine künstlerische Haltung nicht schlecht, auch wenn ich erst später begann, mich vertieft mit der Hacker-Kultur zu beschäftigen. Im technischen Sinn bin ich keine Hackerin - dafür müsste man all seine Zeit in die Technik investieren, und dazu habe ich keine Lust. Für mich ist Hacken eher ein Denksport: Ich will ein System begreifen und Strategien finden, mit denen ich intervenieren, eine Funktionsweise spiegeln kann.
«Hacking is a teenage-male voyeur-thrill power-trip activity», schreibt der Autor Bruce Sterling; Hacken sei ein fast nur von jungen Männern bevölkertes Spielfeld. Stimmt das?
Obwohl alle davon sprachen, dass es Hackerinnen gebe: Trotz langer Recherche im Jahr 1999 konnte ich keine einzige aufspüren. Ich habe daraufhin für ein Videoprojekt selbst Hackerinnen erfunden und mit ihnen fiktive Interviews geführt, die natürlich den gängigen Ehrencodex der männlichen Kollegen ziemlich über den Haufen warfen.
Auch um die ist es ruhig geworden. Hat die Netz-Sicherheitspolizei gesiegt?
Das Problem ist eher, dass sie einfach nichts mehr zu sagen haben. Selbstverliebt in ihren eigenen Mythos haben sie vergessen, was heute wirklich wichtig ist. Denn viel aktueller und bedeutender sind heute z.B. Initiativen für den Datenschutz für Bürger. Auch bei den Hackern ist der Geniekult sowie das Kokettieren mit der Halblegalität weit verbreitet. Das versteckte Ziel aber ist auch hier nicht selten, am Ende reich und berühmt zu werden (lacht).
Woher aber kommt die männliche Dominanz im Netz?
Das Phänomen hat ganz banal mit der Sozialisierung zu tun, sicher nichts mit fehlender Technik-Kompetenz der Frauen. Wenn ich die Wahl habe, alle Nächte vor dem PC zu verbringen, oder aber auch mal tanzen zu gehen oder Freunde einzuladen, wähle ich stets die zweite Möglichkeit. Ein anderer Punkt sind die männlich geprägten Kommunikationsformen in der Ausbildung; an der Uni Bremen wurden jüngst die Studiengänge Informatik wieder altmodisch nach Geschlechtern getrennt, um der weiblichen Minderheit die Möglichkeit zu geben, sich mit ihren eigenen Mitteln und Codes technisches Know-How anzueignen.
Ist das Internet männlich?
Nein, auch wenn sämtliche technischen Grundlagen Männerhirnen entsprungen sind. Auch nicht weiblich, wie die Kulturwissenschaftlerin Sadie Plant angesichts der flachen, vernetzten Struktur behauptete. Ihr Buch «Zeros and Ones» war gerade bei jungen Frauen sehr erfolgreich: Als Strategie, die Realtität durch Behauptung zu verändern, geht dies in Ordnung, die These aber ist mir zu simpel.
Eine andere Behauptung ist, Netzkunst beschäftige sich nur mit sich selbst.
Ich bin eine grosse Kritikerin der Medienkunst, die sehr oft an der Oberfläche bleibt und viele schöne bunte Bilder produziert, ohne sich mit dem zu beschäftigen, was sich darunter befindet. Das Funktionieren unserer Gesellschaft beruht heute auf der grösstmöglichen Abstraktion - auf Nullen und Einsen. Ich glaube den wenigsten Leute ist wirklich bewusst, wie grundlegend der Computer unser Leben verändert hat. Alles wird von Computern gesteuert; dem kann man sich heute nicht verschliessen, zuletzt in der Kunst.
Schöne bunte Bilder produzieren auch sie - mit ihrem «Net-Art Generator».
Es geht darum, im Netz mit Hilfe von Suchmaschinen neue Werke - Bilder oder Texte - aus vorgefundenen Materialien zu generieren. Jeder kann einen Titel eingeben, die Suchmaschinen finden dazu Material und bauen es nach Vorgaben des Programms neu zusammen. Kunst hat viel damit zu tun, Denkmuster aufzubrechen. Das kann die Maschine viel unbeschwerter als der Mensch, der nie aus seinem Denken ausbrechen kann. Oder haben Sie sich schon mal Gedanken über den «verbalen Missbrauch von Blumen während eines Kongresses» gemacht? Die Dadaisten stehen für das Konzept Pate: Unsinn zu produzieren, um zu zeigen, wie Sinn überhaupt produziert wird.
Da passt es ja auch ins Bild, dass sie Werke verkaufen, die andere mit Hilfe Ihres «Generators» produziert haben...
Das ist ein Mythos, der seit langem kursiert. Das habe ich so noch nie gemacht. Aber von mir aus kann das ruhig weiterverbreitet werden: Ja, ich tue das! Ich verkaufe Werke, die andere für mich gemacht haben...
Interview Alexander Marzahn
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