Andrea Mašek, Basellandschaftliche Zeitung, zu Ying Gao, 27.01.2009

    Licht macht Kleider lebendig

    MODEGESCHICHTEN: Die Designerin Ying Gao stellt zum ersten Mal in der Schweiz ihre poetischen Kollektionen aus, die Mode und Technik kunstvoll kombinieren. 

    Das weisse Kleid atmet. Die Brustpartie, in Origami-Falten gelegt, hebt und senkt sich. Das Modell daneben entfaltet sich buchstäblich. Beide reagieren auf Luft. «Luft hat mich schon immer fasziniert», sagt Ying Gao. Die kanadische Modedesignerin mit chinesischen Wurzeln hat mit dem Projekt «Walking City» interaktive Mode kreiert, unterstützt von Designer Simon Laroche. 
    Im Spotlicht räkeln sich die zwei Kleider des Projekts «Living Pod». Wenn sie ein Taschenlampenstrahl trifft, gehen sie auf. «Nach dem Licht wollte ich mit Luft arbeiten», erklärt Gao. Für ihre Kreationen habe sie das ideale Material gefunden: japanischen Organza-Stoff. Das Ganze wirkt dadurch poetisch verspielt. Doch Gao wäre nicht Gao, wenn sie sich dazu nicht noch mehr Gedanken gemacht hätte: Sie möchte mit «Living Pod» zeigen, dass Konfrontation und Nachahmung in der Modewelt gang und gäbe sind. «Technologie ist für mich nicht das Wichtigste», sagt sie, «sondern das Konzept.» Die drei anderen Projekte, die Gao unter dem Titel «Ying Gao – Five Ways to Tell a Story about Fashion» momentan im plug.in am St.Alban-Rheinweg 64 in Basel ausstellt, basieren auf dem Umgang von Gao mit Computer und Software. Die Schnittmuster, Kragenwinkel und Taschengrössen der zehn weissen Hemden von «Indice de l’indifférence» stellen eine Auswertung von Meinungsumfragen im Internet dar. Gao erzählt, dass sie immer wieder staune, wie viele Online-Benutzer in Umfragen «Ist mir egal» eingeben. Diese gesellschaftliche Tendenz der Gleichgültigkeit hat sie aufgewühlt. Sie hat dies statistisch ausgewertet – sie sei in Zahlen- und Statistiken-Freak, gibt sie zu – und in Mode mit sozialkritischen Nähten umge- setzt. Drei Zentimeter Naht entsprechen dabei drei «Egal»-Meldungen. «So macht die Gleichgültigkeit doch einen Unterschied», betont Gao. 

    ES ERSTAUNT DANN, dass die Designerin in ihrem Projekt «(uni)forms» die Maschinen hochleben lässt. Alles habe mit einem Spruch auf einer Wandtafel angefangen, lächelt Gao, die auch als Dozentin tätig ist. Auf der Tafel stand «Geschwindigkeit tötet Kreativität». «Nein», habe sie aufgeschrieen, und beschlossen, etwas ganz schnell zu schaffen. Sie googelte das Stichwort Uniform, wählte eine amerikanische Krankenschwesteruniform aus den 1920er Jahren und eine deutsche Arbeiterinnenuniform aus den 40er Jahren aus, setzte eine Morphing-Software ein und innert Sekunden lagen ihr fünf abgewandelte Modelle vor. Die beiden Uniformen und die fünf Kreationen nähte sie dann mit ihren Studierenden nach. «Damit habe ich bewiesen, dass Maschinen kreativ sind, denn sie kennen keinen sozialen Wert und haben keine vorgefassten Meinungen.» Die schweizerische Pünktlichkeit, von der sich Gao vergangenen Sommer überzeugen konnte, vor allem in Bezug auf die SBB, lässt sie im fünften Projekt namens «Swiss Quality 1» hochleben. Die Etiketten der fünf Oberteile reflektieren, wie pünktlich die Züge gefahren sind und wie wenig lange Gao warten musste. Zudem hat die Designerin jene schweizerischen Eigenschaften in die Kleidungsstücke hinein verwoben, die für sie typisch für unser Land sind: Ausgewogenheit, Präzision und Individualität. Ausgegangen ist sie von einer einfachen Hülle, woraus sie fünf verschiedene Version gefertigt hat – inspiriert von den fünf unterschiedlichen Materialien, die sie von fünf Schweizer Textilherstellern erhalten hat. 
    Damit ist das Thema Schweiz für sie noch nicht abgeschlossen. Mit Laroche zusammen tüftelt sie am «Swiss Quality 2»-Projekt herum, das von Schweizer Stoffen und Mineralwasser geprägt sein soll. 

    Die Ausstellung dauert bis 1. März. 


    Dateien:
    BasellandschaftlicheZeitung_YingGao_20090127.pdf