Lösungen statt Horrorszenarien
Der zweite Teil der Ausstellung «Ökomedien» im plug.in entwirft Modelle für die Zukunft.
Annette Hoffmann
Die Erde stöhnt noch immer im plug.in. Franz Johns Rauminstallation «Turning Tables. An Untitled Composition for Tectonic Spaces», in der die tektonischen Bewegungen der Erde in Zahlen und ein dumpfes Grollen übersetzt werden, verbindet den ersten Teil der Ausstellung «Ökomedien» mit dem zweiten.
Es ist jedoch vor allem das Bild eines von Transportwegen überzogenen Planeten, das sich in dieser Zusammenschau von zehn Arbeiten aufdrängt. Jede einzelne befasst sich mit «ökologischen Strategien in der Kunst», so der Untertitel der von Sabine Himmelsbach, Karin Ohlenschläger und Yvonne Volkart kuratierten Schau. Das Kollektiv «Free Soil» thematisiert mit dem Projekt «F.R.U.I.T» die langen Wege der Lebensmittelindustrie und lässt Orangen sprechen. «The right to know» proklamieren die Früchte auf buntem Einwickelpapier und geben zu wissen, dass eine Orange von Rio nach Rotterdam 5913 Meilen zurücklegt. Das internationale Künstlerkollektiv «Free Soil» ruft in skurrilen Cartoons dazu auf, nach den Zusammenhängen von Produktion, Vertrieb und Müllentsorgung unserer Nahrungsmittel zu fragen und diese Industrie durch Kleingärten in den Städten oder auf Balkonen abzulösen. Und sie erinnern uns durch ihre, an einen Marktstand angelehnte Installation, dass wir als Verbraucher täglich darüber entscheiden, woher unsere Lebensmittel stammen. «Meide alle Produkte, die von weither kommen», lautet dann auch das sechste von zehn Geboten, die Tea Mäkipää für das 21. Jahrhundert aufgestellt hat und die auf einem Leuchtkasten nachzulesen sind.
Überhaupt sind es trotz multimedialer Oberfläche meist erzählerische Strategien, auf welche die Künstler zurückgreifen.
So dokumentiert Insa Winkler in «Das Eichelschwein Kino Mobil» das unwürdige Leben von Mastschweinen und gibt ein Beispiel traditioneller Tierhaltung. Winkler will darin keine blauäugige Utopie sehen, sondern referiert parallel Zahlen und Fakten.
Schweinestädte. Mit dem gleichen Problem hat sich das niederländische Architektenbüro MVRDV auseinander gesetzt, das für Schweinehaltung in spezialisierten Türmen plädiert. Dort könnten, so die Computersimulation der Rotterdamer, die Schweine artgerecht leben und im Erdgeschoss geschlachtet werden. In 44 solcher «Pig Cities» würde genügend Fleisch für den Verbrauch in den Niederlanden und den Export produziert werden können, zugleich würde jedoch weitaus weniger Platz dafür gebraucht.
Die gemeinsame Arbeit von Christina Hemauer und Roman Keller «A Moral Equivalent of War» ist hingegen Recherche und Kunstaktion zugleich. 2006 forschten die beiden Zürcher nach jener Solaranlage, die Jimmy Carter 1975 auf dem Dach des Weissen Hauses installieren liess, die von Ronald Reagan abmontiert und später von einem College im US-Bundesstaat Maine aufgekauft wurde. Die politische Arbeit zeigt, wie viel Einfluss Lobbyisten auf die Energiepolitik nehmen und dass ein Wandel schon vor Jahrzehnten möglich gewesen wäre.
Nichtsdestotrotz beschwören die Werke von «Ökomedien» keine Horrorszenarien, sondern reden vielmehr dem verantwortungsbewussten Konsumenten und Wähler ins Gewissen