Bubenstreiche
«SONOgames» (Gilbert Engelhard und Nikolas Neecke) verwandeln das Basler [plug.in] in ein leicht verrücktes Wohnzimmer.
Erinnern Sie sich noch an Amélie Poulin, Jean-Pierre Jeunets Filmheldin mit den fabelhaften Einfällen und Versteckspielen? Ein bisschen kommt sich vor wie der böse Gemüsehändler aus dem Paris Quartier, wer sich in der aktuellen Ausstellung des [plug.in] in einen der Ohrensessel setzt. Alles ist ein bisschen muffig: Plüschpolsterung, Topfpflanzen, Tischlämpchen. Und alles scheint vertraut: Grossmutters Erbgut oder dann ein Direktimport aus dem Brockenhaus. Im Film manipuliert Amélie unmerklich Schnürsenkel und Weckzeiten, tauscht Rasierseife mit Zahnpasta und sägt so an den Fundamenten des allzu selbstgewissen Monsieur Colignon.
Die Ausstellung im [plug.in] wiederum nennt sich «Leisureland II» und wurde von Nikolas Neecke und Gilbert Engelhard als Sound-Environment eingerichet. Hier haben sich die Dinge zwar nicht ganz so entschlossen gegen einem verschworen, doch, animiert von den Basler Künstlern, ebenso munter ein Eigenleben entwickelt. Der Fussschemel etwa reklamiert bei jeder Belastung lautstark und den Blumen entlockt ein Streicheln sphärische Klänge. Im Kajütenbett wartet ein schmusendes Zebra und andere Stofftiere, die sich miteinander unterhalten. Eine Stereoanlage ist zum Memory-Spiel umgebaut, bei dem es Jodel und laut gelesene Kochrezepte zu erinnern gilt.
Seit 2000 schon bauen Neecke und Engelhard unter dem gemeinsamen Label SONOgames an dieser Sammlung interaktiver Klangmöbel und -spiele. 2003 gewannen sie damit den Wettbewerb interaktiver Medienprojekte des Kunstkredits Basel. Ihre Ausstellung hält das Versprechen zweckfreier Musse scheinbar mühelos. Die Sensoren sind vielfältig: Sie reagieren auf Druck, Licht, Wasser, Temperatur, Bewegung, Nähe und Geräusch. Schön ist dabei, dass man sie ganz ohne Bedienungsanleitung intuitiv auslöst: Es genügt, vor einen Spiegel treten, einen Schalter zu kippen, mit neugierigem Finger der glatten Oberfläche eines Teetischs entlangzufahren. Das Untergeschoss des [plug.in] füllt ein interaktiver Teich, über den Steinchen zu werfen digitales Plumpsen auslöst.
Die Wendung des Funktionalen und allzu Vertrauten in Überraschung und Amusement ist charakteristisch für SONOgames. Vergnügen bereiten vor allem die musikalischen Effeke, noch mehr jedoch der anscheinend unerschöpfliche Einfallsreichtum ihrer Erfinder. Diese interessieren sich das verlangt vom Publikum etwas Goodwill nur wenig für stabile Endprodukte und schreiten lieber von einem Prototyp zum nächsten. Auch bei Amélie löst sich das Boshafte schliesslich in Wohlgefallen auf. Man könnte die vergnügliche Erfahrung für komplett harmlos halten, wenn nicht die digitale Durchdringung von Wirklichkeit anderswo als «Augmented Reality» (gesteigerte Wirklichkeit) mit den Budgets der Unterhaltungsindustrie gefördert und der pathetischen Berufung auf wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt gefeiert würde. SONOgames führen solche Ansprüche zurück aufs private Angefressen-Sein einzelner Macher, verbinden Programmierung, Komposition und Bastellust zum geglückten Bubenstreich.