Annina Zimmermann, zum Thema Rechte und Kopierschutz, 15.10.04

    Sich bei den Ahnen schlau machen
    Covern, Adaptieren, Sampeln und Zitieren – die Kunst, auch die Bildende Kunst, ist sich seit Jahrhunderten gewohnt, von Vorgängern zu profitieren. Griechische Vorbilder nährten die Kultur der alten Römer, gebildete Verweise sind unabdingbar für Renaissance und Klassizismus. In Zeiten der Moderne geriet die kreative Wiederholung als tumbes Reproduzieren unter Fälscherverdacht. Wenn Avantgarde-Rhetorik und schöpferischer Genius das Künstlerbild prägen, ist gerade noch die subversive Aneignung und spöttische Persiflage als geistvolles Spiel geduldet.

    Es sind Künstlerinnen wie die lange unterschätzte Elaine Sturtevant, der wir eine Neubewertung künstlerischer Aneignungsstrategien im 20. Jahrhundert verdanken – wie Viola Vahrson, Kunsthistorikerin aus Berlin, gestern Abend im [plug.in] engagiert vor Augen führte. Sturtevant begann Mitte der 1960er Jahre Werke ihrer Zeitgenossen wie Frank Stella, Andy Warhol, Jasper Johns und Claes Oldenburg exakt zu kopieren – sozusagen die Konsequenz zu ziehen aus der Massenproduktion, auf welche die Väter des Pop sich mit Serie und anonymer Technik bezogen. Und sie unterschrieb die nur von Kennern von den Vorlagen zu unterscheidenden Werke und deklarierte sie so als eigenständige, originale Kunst.

    Radikal und umstritten
    Die Radikalität ihres Verfahrens spaltete die Kunstszene. Künstler wie Robert Rauschenberg und Stella unterstützten ihr Werk, Andy Warhol lieh ihr gar die Siebstöcke. Claes Oldenburg reagierte empfindlich auf die Nachbildung seines Shops, in dessen Widergänger nur sechs Jahre nach ihm sich Sturtevant setzte. Vor allem Kritiker und Kunstbesitzer verstanden ihre Arbeit als Angriff auf Autorschaft und Autonomie des Kunstwerks. Anfang der 1970er Jahre wandelte sich Skepsis in Feindseligkeit – und die Künstlerin legte ihre Arbeit nieder. Erst 12 Jahre später, als Künstlerinnen und Künstler wie Sherrie Levine, Richard Prince und Mike Bidlo Verfahren der Aneignung und Wiederholung als strategisches Mittel ihrer Kunst einsetzten, nahm auch Sturtevant ihre Arbeit wieder auf. Mit Sorgfalt arbeitet Varsohn in ihrer bald publizierten Dissertation wichtige Unterschiede zwischen Sturtevant und den als „Appropriation Art“ bekannten Ansätzen heraus. Dieser Tage zeigt das Museum in Frankfurt Sturtevants erste grosse Retrospektive, die bis heute unser Kunstverständnis konzeptuell in Frage stellt. Wie kann eine Künstlerin die metaphysische Legitimation der Kunst so radikal herausfordern und sich zugleich über 30 Jahre lang in Hunderten von Werken so beharrlich und erfolgreich dem Handwerk widmen? Das kleine Publikum – lauter Kunstleute, die sich für einmal ins Forum für Neue Medien locken liessen – spekulierte über die Möglichkeiten und Folgen, Sturtevant ihrerseits zu kopieren: sie ganz verschwinden zu lassen bei zugleich nicht zu überbietender Materialität.

    Geistiges Eigentum vs. künstlerischer Gedankentausch
    Der Vortrag Vahrsons führte hin auf das Thema „copy-create-manipulate“, dem das [plug.in] seinen diesjährigen Beitrag zur Viper, dem im November geplanten Festival für Kunst und Neue Medien, widmet. Der Apellcharakter des Titels hat Programm: Das Anliegen ist, das an Kunst interessierte Publikum zu informieren, ja aufzurütteln mit Informationen über die rechtlichen Behinderungen des freien Gedankentauschs. Der Schutz der Autorenrechte wirkt zunehmend zu Gunsten der Verwertungsindustrie, weshalb sich besonders in der digitalen Szene Widerstand formiert. Wollen wir wirklich, dass der Besitz von geistigem Eigentum kreative Verfahren wie Sturtevants verhindern?

    [Plug.in] bemüht sich seit seinem Bestehen um die Entwicklung von Alternativen zum Copyright und hat immer wieder lokale und internationale Projekte dazu präsentiert. Im Vorfeld des Viper-Festivals plant es deshalb gemeinsam mit der Netzkunst-Pionierin Cornelia Sollfrank eine Umfrage unter Juristen. Sind es Juristen und Gesetzgeber, welche die Grenze künstlerischer Freiheit heute bestimmen? Eine Performance von Andrea Saemann wird exemplarisch vorführen, wie das Hineinschlüpfen in grosse Vorbilder ureigene Identität mitbildet. Am Festival selbst schliesslich lädt [plug.in] zu einem prominent besetzten Panel ein.