Basellandschaftliche Zeitung /Kultur, zu Dorothee Richter und Barnaby Drabble - Curating Degree Zero Archive, 01.02.03

    Ein reisendes Archiv
    AUSSTELLUNG / Im [plug.in], dem Forum für neue Medien, ist ein Archiv der besonderen Art zu besichtigen, das «Curating Degree Zero Archive»: Kuratorinnen und Kuratoren lassen sich in die Taschen schauen.

    BASEL. Bis eine Ausstellung für das Publikum zu besichtigen ist- sei es im Museum, sei es im öffentlichen oder gar im virtuellen Raum- ist schon ganz viel hinter den Kulissen geschehen. Ausstellungsmacherinnen und Kuratoren wählen auszustellende Künstler oder Konzepte aus, entscheiden über Objekte und betreuen eine Ausstellung von der blossen Idee bis zur Vernissage. Das Ausstellungsmachen hat sich zu einer Berufsgattung entwickelt; es gibt zuweilen Kuratorinnen und Kuratoren, deren Bekanntheitsgrad Künstlerinnen und Künstlern ebenbürtig geworden ist. Worin jedoch ihre Arbeit besteht, wie sie mit aktuellen Themen und äusseren Umständen umgehen, damit beschäftigt sich ein «wanderndes Archiv»», dessen erste Station in Basel im [plug.in] ist.

    Man darf in den Reisetaschen der Kuratoren schnüffeln
    «Curating Degree Zero Archive» knüpft an ein Symposium in Bremen 1998 an, an dem sich einige Kuratorinnen und Kuratoren trafen, um Erfahrungen auszutauschen, zu diskutieren, wie andere Austellungsmacherinnen mit brennenden Fragen, seien sie politischer Art, seien sie ausstellungstechnischer oder organisatorischer Natur umgehen.

    Zwei Kuratoren, Dorothee Richter und Barnaby Drabble, schrieben fünfzig zeitgenössische Berufskolleginnen und -kollegen an und baten sie, Unterlagen über ihre Tätigkeiten zu schicken. Sie liessen sich von Fragen leiten wie: Wie gehen Ausstellungsmacher mit Künstlern und Künstlerinnen um? Wie entwickeln sie Ausstellungen? Wie kuratiert man Medienkunst?

    Zusammengekommen ist ein Archiv, dem jene gewohnte Verstaubtheit, die herkömmlichen Archiven eigen ist, fehlt. Zusammen mit der Zürcher Designergruppe electrosmog wurde diesem Anlass, der gleichzeitig Kunstinstallation und Archiv ist, eine ansprechende Form gegeben. Auf sechs Gepäckwagen, wie sie von Bahnhöfen bekannt sind, befinden sich viele Taschen, jede davon versehen mit einem Gepäckschein und dem Namen des jeweiligen Kurators. Ein. grosser Tisch lädt ein, sich eine Tasche vorzunehmen, sie auszupacken und den Ausstellungsmacherinnen im wahrsten Sinne des Wortes in die Karten zu schauen. Viele der Taschen enthalten vor allem Ausstellungskataloge, einige jedoch auch Lebensläufe, Zeitungsartikel und Sammlungen von Prospekten.

    Auffallend ist ein durchsichtiger Koffer, der Computerzubehör wie Kabel und Maus enthält, um die Arbeitsweise von Netzausstellern zu dokumentieren. Die Form des Archivs haben die Ausstellungsmacherinnen dieser besonderen Zurschaustellung bewusst gewählt. Erstens soll dem Archiv ein Ereignischarakter verliehen oder vielmehr zurückgegeben werden: Dieses soll sich auf seiner zweijährigen Reise durch Europa verändern, wachsen. Zweitens bildet dieses Archiv ein Netzwerk, das nun erweitert werden kann und neue Kontakte eröffnen soll.

    Der Beitrag des [plug.in], dem Forum für neue Medien, ist eine begleitende Homepage. Diese stellt die einzelnen Kuratorinnen und Kuratoren, ihre Taschen mit deren Inhalt vor, bietet Links zu den jeweiligen Institutionen und Organisationen, in denen sie arbeiten und enthält eine Bibliographie des Archivs.

    © Basellandschaftlich Zeitung 2003