Basler Agenda/Galerien Nr. 17, zu Jan Torpus und Michel Durieux - Affective Cinema02, 24.04.03

    Regisseur Sensor
    «Affective Cinema 02» im Medienforum [plug.in]

    Ende des letzten Jahrhunderts war «inter» das Präfix der Stunde. Interdisziplinarität und Interaktivität wurden erforscht, wobei Intermedialität Bedingung war. Heute, ein paar Jahre später, wird dieses Konzept auf eine weitere Komponente zurück gebunden, deren technische Auswertung das kommende Jahrhundert bestimmen wird: den menschlichen Körper als Biobasis.

    Aus technischer Sicht steckt, was man gemeinhin unter dem Terminus Biopolitik zusammenfasst, noch in den Kinderschuhen, doch selbst von hier aus scheint der Horizont der Möglichkeiten grenzenlos. Der Basler Jan Torpus und der niederländische Programmierer und Psychologe Michel Durieux nehmen mit ihrer interaktiven Installation «Affective Cinema 02» auf diesen Themenkomplex Bezug. Ein Vorgänger dieser Arbeit wurde bereits in Basel im nt/Areal gezeigt, bei der jetzt im [plug.in] präsentierten Installation handelt es sich um einen auf Soft- und Hardwarebasis weiterentwickelten und mit neuen Bildern gestalteten Nachfolger.

    Körperliche Reaktion
    Die Ausgangslage für den Betrachter entspricht einer Kinosituation: Er sitzt einer Leinwand gegenüber, allerdings gibt es nur den einen Stuhl, auf dem eine Kontaktstelle für ein «Biofeedback» angebracht ist: Über einen Hautwiderstandssensor, ähnlich wie eines Lügendetektors, wird während des Betrachtens kontinuierlich seine körperliche Reaktion auf Bild und Ton abgelesen. Diese Daten werden wiederum in die Installation gespeist und bestimmen den Fortgang des Films. Aus einer Matrix von ein paar Dutzend Filmsequenzen werden so immer die gewählt, welche der momentanen körperlichen Reaktion des Betrachters entsprechen, wobei die wichtigen Szenen einer starken emotionalen, d.h. körperlichen Reaktion vorbehalten bleiben.

    Lebenslauf als Produkt
    «Affective Cinema 02» mag vordergründig als spielerischer Vorschlag zur zukünftigen Verwendung von Biofeedback im Unterhaltungssektor verstanden werden. Liest man die künstlerische Strategie aber genauer, so fällt auf, dass im Vergleich zu biopolitischen Absichten, die darauf zielen, etwa den Lebensverlauf in ein künstich gesteuertes Produkt zu verwandeln, hier gerade das Umgekehrte demonstriert wird: Ein künstliches Produkt wie eine filmische Narration wird durch Anbindung an die Technik in ein quasi-natürliches Geschehen umgewandelt.

    Darauf nehmen die Filmsequenzen motivisch Bezug: Zu sehen sind märchenhafte Episoden, als Blumen verkleidete Menschen, die von ihren Blütenblättern befreit werden, Fabelwesen, denen Nährlösung gespritzt wird, seltsame Kellertreppen, die im Nichts stehen und ins Nichts zu führen scheinen. Die Konsequenz einer solchen Anordnung liegt in der totalen Entpolitisierung des Inhaltes durch totale Individualisierung des Kunstprodukts und der Anschauungsdisposition- was auch einen totalitären Charakter hat. Man hätte sich gewünscht, dass diese Ebene irgendwo wieder transzendiert wird.

    © Basler Agenda 2003