Budgettausch: Gebt dem Plug In, was der Viper ist!
ZU EINER DISKUSSIONSVERANSTALTUNG IM PLUG IN MIT DEM TITEL «KONTROVERSE KUNST» – EINE INTERVENTION
«Etikettenschwindel!» donnerte es nach gut einer Stunde Podiumsdiskussion aus dem Plenum in den Saal. Tatsächlich erinnerte die Diskussion am Donnerstagabend, die als «Kontroverse Kunst» angekündigt war, eher
Von Michèle Binswanger
an «Zur Eintracht Kunst». Statt auf den Tisch zu klopfen, rang man die Hände, statt flammende Reden zu halten, wurden inhaltliche Brandherde mit kritischem Wohlwollen begossen. Eigentlich nicht verwunderlich, denn auf dem Podium und im Saal sassen sich Gleichgesinnte gegenüber: Medienkünstler, Vermittlerinnen, Kuratorinnen und Journalisten. Dennoch war in der nachfolgenden Plenumsdiskussion das Bedürfnis spürbar, endlich einmal Tacheles zu reden.
«Kontroverse Kunst» hiess die Veranstaltung. Auf dem Podium im Plug In sassen Sabine Schaschl, Direktorin des Kunsthauses Baselland, Philipp Gasser, Künstler und Dozent an der HGK Basel, Valentin Spiess, Leiter des «iart», eines Ingenieurbüros an der Schnittstelle von Technologie, Ausstellung und Kunst, schliesslich Samuel Herzog, Verantwortlicher Redaktor bildende Kunst der NZZ. Die Diskussion leitete Annina Zimmermann.
Diskutiert werden sollte über Leistung und Legitimation von Kunstinstitutionen, die sich der Vermittlung der neuen Medien verschrieben haben, verhältnismässig wenig Finanzen zur Verfügung haben und unter dauerndem Legitimationsdruck stehen. Tatsächlich darf man fragen, was Viper und Plug In mit den Steuergeldern, die sie erhalten, eigentlich tun.
Neben Organisatorischem und den Mängeln in der Präsentation der Viper wurde vor allem die fehlende Vermittlung beklagt. Man wünschte sich, dass die Kuratorinnen Position beziehen und die Medienkunst argumentativ begleiten. Man kritisierte den Umstand, dass moderne Kunst bald nur noch in den Zeitungen sprachlich beurteilt wird.
Eine interessante Frage ergab sich aus der Verflechtung von Technik und Inhalt: Es geht um neue Technologien, keine Frage. Eine Institution wie Plug In pflegt Medienkunst mit sehr wenig Geld das Jahr über, ist kontinuierlich vor Ort, leistet konkrete Vermittlungs- und Vernetzungsarbeit. Ein viertägiges Festival wie Viper kann einen solchen Anspruch gar nicht einlösen, jedenfalls nicht in der bisher gezeigten Form.
Ein Festival müsste Schaufenster sein. Es darf sich der Technologie nicht unterwerfen, aber es könnte deren Brisanz vielleicht auf einer sehr viel niedrigeren Ebene zeigen – schliesslich gehören Billigtechnologien wie Handys, Radio, Fernsehen auch zu den neuen Medien. Und oft ist der Einsatz neuester Technologie sowieso nur Spielerei: Die preisgekrönte Arbeit «Track the Trackers» ist hübsch. Aber liesse sich nicht dasselbe künstlerische Ziel auch mit Schreibblock, Stadtplan und Bleistift erreichen?
Vielleicht müsste man, um einen brandstifterischen Gedanken zu äussern, einmal dem Plug In den Etat der Viper zur Verfügung stellen, damit die Basisarbeit, die Annette Schindler leistet, endlich eine Chance bekäme, in der Stadt wirklich präsent zu werden. Die Viper hingegen hätte die Aufgabe, ein Festival mit dem lächerlich kleinen Etat des Plug In auf die Beine zu stellen. Vielleicht würde sich erst in einer solchen Aufgabestellung die Brisanz der beiden Institutionen zeigen. Denn wenn Viper subversives Kunstwerk sein soll, wie im Plenum gefordert wurde, Kunst aber «Weglassen und Übertreiben» heisst, dann wäre dies keine Beschneidung, sondern eine künstlerische Herausforderung.