Adrian Aebi, Basler Zeitung, zu Birgit Kempker - Sphinx, 07.05.05

    Es rieselt leise der Schnee - Ein Kunstsender im Internet - «56kTV»
    «56kTV Bastard Channel» ist eine mediale Mischform zwischen Fernsehen und Internet. Sie thematisiert das Konsumverhalten der Medienbenutzer.

    «Ich beantworte alle Fragen», verspricht hier nicht das Fernsehen, nicht das Internet und nicht die Kunst, sondern die «Sphinx von Pontresina» oder Birgit Kempker, ihre Erfinderin. Und sie macht damit den Sternzeichendeutern und Feinstoffmedien Konkurrenz, die in Satelliten-TV-Astro-Shows verzweifelten Ratsuchenden das sauer Ersparte verfeinstofflichen. Im Unterschied zu die sen Blendern hält sie ihr Versprechen, kostenlos, mit sprachspielerisch-poetischen Antworten, die manchmal philosophisch, immer aber erhellend sind und klug, selbst wenn sie von der «Maschine der Sphinx» automatisch generiert worden sind.

    Birgit Kempkers «Sphinx oder Maschine» ist einer der Programmbeiträge auf «56kTV Bastard Channel», einem internationalen Internetkunst-Projekt, das Reinhard Storz, Betreiber der Netzkunst-Plattform «Xcult», im Auftrag der Pro Helvetia mit dem Basler Künstlerduo Monica Studer/Chrisoph Van den Berg konzipiert und kuratiert hat.

    MEDIALER ZWITTER. «56kTV Bastard Channel» versteht sich als medialer Zwitter zwischen Fernsehen und Internet und thematisiert die gewohnten Konsumrituale, in welchen das Publikum das alte und das neue Medium benutzt. Die Beiträge - gegenwärtig sind es zwölf, weitere werden im Verlauf des Jahres aufgeschaltet - sind entgegen der Philosophie des Internets nicht jederzeit verfügbar, sondern, wie im konventionellen Fernsehen, nur zu gewissen Programmzeiten. Sie orientieren sich an klassischen TV-Formaten, der Nachrichtensendung etwa oder der Unterhaltungsserie.

    ZENSUR? Auf den in seiner Informationsauswahl autonomiebewussten, den unmittelbaren interaktiven Zu-griff gewohnten Internet-User kann das einigermassen verstörend wirken. Dabei nimmt nur die Startseite auf die Sehgewohnheiten der Fernsehzuschauer ironisch Bezug. Die einzelnen Inhalte formulieren ihre medienkritischen Botschaften mittels der netzspezifischen ästhetischen und technischen Möglichkeiten.

    So sucht «TV-Bot» des Schweizers Marc Lee das Netz nach sämtlichen Webcam-, Radio-, TV- und Online-Zeitungsnews ab, die nicht älter als eine Stunde sind, stellt die Fundstücke als Collage dar und hinterfragt damit die Informationsrelevanz des Latest-News-Prinzips. Young-Hae Chang Heavy Industries aus Seoul erzählen uns in einer mehrteiligen TV-Serie eine Agentenstory, allerdings bildlos, nur in Textzeilen und einer Tonspur. Shu Lea Cheangs «Milk» zeigt direkt aus dem Netz gezogene pornografische Fotos, die aufscheinen und wieder verschwinden, während uns ein Zählfeld permanent darüber informiert, wie viele Menschen in Afrika während der Zeit, in der wir hier unsere Neugier zu stillen versuchen, an Aids gestorben sind. «56kTV» zeigt Cheangs Arbeit in einer «verschneiten», das heisst verschwommenen Fassung. Die Massnahme sei als Rücksichtnahme auf das interkulturelle Publikum und nicht als Zensur im eigentlichen Sinne zu verstehen, erklärt der Kurator Reinhard Storz.

    KEINE CHANCE. Kempkers «Sphinx» präsentiert sich dieser Tage an der BuchBasel und in einem von der Autorin mit visualisierter Poesie ausgestalteten Raum im «PlugIn». Auch hier wird sie sich bemühen, unterstützt von der in einem antiken Versmass sprechenden «Maschine der Sphinx», auf alle an sie herangetragenen mehr oder weniger quälenden Fragen des Lebens eine Antwort zu geben. Dass die Antworten seit ihrer Verfügbarkeit im World Wide Web tendenziell kürzer geworden sind, liegt natürlich am weltweiten Bedürfnis nach Erklärungen. Aber schliesslich kann die Wahrheit auch in der Kürze aufblitzen: «Wo finde ich mich?» - «Niemals, keine Chance.»

    >PlugIn, Basel, St. Alban-Rheinweg 64. Bis 5.6., Mi-So 14-18 Uhr. Einführung 11.5., 10-12 Uhr; Vortrag Reinhard Storz 12.5., 20 Uhr. An der BuchBasel sitzt die Sphinx am Stand der Christoph Merian Stiftung.

    Chip im Kopf. Birgit Kempkers Arbeit «Sphinx» im «PlugIn».

    «56kTV» statt «K-Tipp». Der «Bastard Channel» ist im Internet abrufbar.