Unterwegs zu einem neuen «Must» im Basler Kulturkalender
Wie weiter mit der «Viper», dem Festival für Film, Video und neue Medien? Eine Umfrage
Es ist nicht zu übersehen, in den Antworten auf unsere Frage nach der Zukunft der Basler «Viper» schwingt trotz aller Sympathie für das Unternehmen Skepsis mit. Das Viper-Festival für Film, Video und neue Medien fand vom 23. bis zum 27. Oktober zum dritten Mal in Basel statt. In den letzten Tagen haben wir nun einige Persönlichkeiten aus den Bereichen Kunst und Neue Medien gebeten, uns ihre Vorstellungen zur Zukunft der «Viper» in einem kurzen Text zu skizzieren. Wir baten sie, sich über Allianzen, Termine, Präsentation und Popularität des Festivals Gedanken zu machen. Und wir erhielten abwägende, nachdenkliche und ziemlich diplomatische Antworten.
Fast jeder Text macht sich auf die Suche nach Partnern, die das Festival stärken könnten. Überlegungen, was eine Terminverschiebung für Vorteile brächte, macht sich Peter Bläuer. Vorstellungen, wie mit einer sorgfältigeren, kreativeren Form der Präsentation der Werke das Festival zugänglicher würde, lesen wir bei Georg Christoph Tholen. Ideen, wie Computerspiele und -musik die Popularität des Festivals steigern könnten, gibt es bei Dominik Landwehr.
Keine Frage, die bisherigen Ausgaben der «Viper» in Basel haben gezeigt, dass es sich nicht um einen Massenanlass handelt. Das Interesse an künstlerisch-experimentellen Filmen, Videos und Computerprogrammen hielt sich in Grenzen. Im Foyer des Theaters fand sich ein Fachpublikum aus Mediendozenten, Medienstudierenden, Künstlern und Journalisten ein. Wenn wir uns nicht täuschen, kam der Grossteil des Publikums aus Basel und der näheren Umgebung. Manch ein Zürcher, manch eine Bernerin, für die das Viper-Festival in Luzern noch ein Pflichttermin war, hat sich für die Basler Ausgaben der letzten Jahre kein Billett mehr gekauft.
Das muss sich ändern. Und auch wenn wir uns nicht in konzeptuelle Details einmischen wollen, so sind die Vorstellungen, was Wirkung und Ausstrahlung betrifft, doch ziemlich konkret. Die «Viper» muss ein «Must» in der Basler Kulturagenda werden. Ein intellektuell aufgeschlossenes Basler Kunstpublikum sollte es sich nicht leisten können, dem hiesigen Festival die Kunstmessen in Paris oder in Köln vorzuziehen. Die «Viper» muss, will sie überleben, in der Schweiz der bedeutendste Anlass für Medien-Kunst sein. Sie muss sowohl weit über die Grenzen des Landes ausstrahlen wie auch ein spezifisch baslerisches Profil entwickeln.
So anregend elitäre Kunstveranstaltungen für Insider sein mögen, so wichtig eine Präsentation von Schülerarbeiten ist, die Viper war immer mehr und sollte auch in Basel mehr sein: Ein Event, der sich eine eigene Erfolgsgeschichte schreibt, der sich wie die «Liste» hier verwurzelt, etabliert und zu einem Anziehungspunkt wird. Man kann diese Aufgabe an das Direktionsteam Annika Blunck und Rebecca Picht delegieren. Man kann das Ziel aber auch im Verbund mit andern Instituten erreichen. So könnte das Festival vermutlich von einer Anbindung an das Museum für Gegenwartskunst nur profitieren. Ein Auszug aus dem Theaterfoyer in die Kaserne würde nicht nur einen neuen soziokulturellen Kontext bringen, sondern auch Räumlichkeiten, die sich für die Präsentation von Installationen besser eignen. Und mit einer Verschiebung des Festivaltermins in die Nähe der Art könnte «Viper» von dem Publikum profitieren, das ohnehin nach Basel reist, um sich über die neuesten Trends im Kunstbereich zu informieren. hm
Schwerpunkt neue Kunst
Ich halte die «Viper» für eine wichtige Errungenschaft in der Basler Kunstlandschaft, die ja mit all den Museen eine eher traditionalistische Ausrichtung hat. Die «Viper» könnte mit dem Museum für Gegenwartskunst, der Kunsthalle und dem plug.in einen Basler Schwerpunkt Neue Medien bilden. Was das Konzept des «Viper»-Festivals betrifft, sind jetzt vor allem die beiden Direktorinnen gefordert. Man muss sich in der Basler Öffentlichkeit aber bewusst sein, dass Neue Medien keine Massenveranstaltung sind. Andererseits muss die «Viper» an Profil unbedingt gewinnen. Sie sollte sich zu einem Must in der Kulturagenda der Stadt mausern. Die Konkurrenz auf dem Gebiet ist freilich riesig. Kunsttermine gibt es wie Sand am Meer. Was die Synergien zur «Art» oder zur «Liste» betrifft, würde ich sehr gerne an der Ausstellung der «Liste03» ein Fenster für die «Viper» öffnen, ich denke da beispielsweise an ein «Best of». Man könnte, um vom internationalen «Art»-Publikum zu profitieren, das Festival auch terminlich in die Nähe der «Art» rücken, Interessierte könnten dann früher anreisen oder später abreisen. Abraten würde ich allerdings, die «Viper» zeitgleich mit der «Art» abzuhalten. Um das riesige Film-, Video- und Netzkunstangebot des Festivals sich anzuschauen, hat man neben «Art» und «Liste» einfach keine Zeit.
Peter Bläuer, Leiter der Liste Basel,
Mit Kunstmuseum vernetzen
Wohl durch den kurzfristigen Direktorinnenwechsel war die Kommunikation im Vorfeld des Festivals etwas zurückhaltend und so schien mir das Ereignishafte, das ein Festival haben sollte und auch ausmacht, nicht voll ausgeschöpft. Ich hoffe, dass nun nach der diesjährigen «Übergangs-Viper» das Festival definitiv in Basel Fuss fasst und sich vom früheren Insiderfestival zum vitalen und innovativen Forum für Neue Medien mausert, das sich stark mit der Stadt vernetzt. Selbstverständlich kann ich mir vorstellen, dass das Kunstmuseum und «Viper» näher miteinander zusammenarbeiten. Philipp Kaiser, Konservator für moderne und zeitgenössische Kunst, war ja bereits Mitglied der Jury dieses Jahr.
Bernhard Mendes Bürgi, Direktor des Kunstmuseums Basel
Mediales Testlabor
Wir ziehen eine positive Bilanz unseres ersten «Viper»-Festivals. Es geht aber nun darum, «Viper» ein Profil zu geben, das deutlich zukunftsweisende Tendenzen aufzeigt. Das Festival muss sowohl dem breiten Publikum als auch Fachleuten Innovationen präsentieren. Und zwar in der kreativen Nutzung analoger und digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien. Der Besuch bei «Viper» Basel soll sich wie ein Aufenthalt in einem medialen Testlabor anfühlen: Man kann entdecken und erproben, wie neue Systeme und Applikationen Wahrnehmung und Kommunikation verändern und damit Lebenswelt und Kultur prägen. Drei Tendenzen für die Neuorientierung von «Viper» seien hier genannt: Ein verstärkter Fokus soll auf interaktive Systeme und Installationen gesetzt werden. Durch den Einsatz prozessorientierter Software lassen sich Bild- und Handlungsräume inszenieren, die für Einzelne oder auch Besuchergruppen das faszinierende Potenzial neuer Medien erfahrbar machen.
Ausserdem werden zukünftig mobile Displays einbezogen, also die Arbeit mit skalierten Formaten. Dabei werden einerseits statische, an einem Ort befindliche und andererseits personengebundene, also an den Menschen gekoppelte Bildträger miteinander kombiniert. Und weiter wird der Einsatz adaptiver Systeme und Aktionen in local und wide-area networks nicht nur demonstriert, sondern zur Teilnahme für das Publikum geöffnet. Dabei geht es immer um die Auslotung kreativer Möglichkeiten und um kritische Hinterfragung. Die mit «Viper» angesprochenen Themen haben gesellschaftliche Relevanz, das öffentliche Interesse ist fraglos vorhanden und entsprechend muss «Viper» als Veranstaltung Initiativen eine Plattform bieten und auf sich aufmerksam machen. Das Projekt «Viper» muss kompatibel mit anderen Interessen der Öffentlichkeit sein.
Annika Blunck u. Rebecca Picht, Direktorinnen der «Viper»
Weniger elitär und mehr Populäres
Ich habe «Viper» in der Vergangenheit mit viel Sympathie begleitet und werde dies auch weiter tun - die Zukunft dieses Festivals ist mir nicht gleichgültig. Die «Viper» hatte sich in den letzten Jahren viel vorgenommen, vielleicht zu viel. Eine stärkere Fokussierung wäre aus meiner Sicht deshalb wünschenswert. Ich wünsche mir ein Festival, das eine Breitenwirkung hat und den Umgang mit den Neuen Medien auf eine populäre Art zum Thema macht. Dass dies möglich ist, zeigt etwa die Ars Electronica in Linz mit der spektakulären Klangwolke, die Jahr für Jahr Zehntausende in ihren Bann zieht.
Was mich interessiert, ist die kreative Auseinandersetzung mit den neuen Kommunikationsmedien, die uns je länger, je mehr umgeben wie eine zweite Haut. Wir bewegen uns damit in einem Feld, in dem sich Wissenschaft, Technik, Unterhaltung und Kunst auf immer neue Weise mischen und das immer wieder in die Nähe der Populärkultur führt: Internetgames, Handy, SMS und Computerspiele sind die Stichworte dafür. Gerade die Computerspiele können für eine ganz junge Publikumsgruppe einen idealen Einstieg bieten. Es gibt - etwa mit dem neuen «Viper»-Jugendwettbewerb U20 - Ansätze, die in diese Richtung gehen.
Dominik Landwehr leitet im Migros-Kulturprozent den Bereich Science-Future und ist für Pop-Musik und Neue Medien zuständig
Präsentation verbessern
Das bisherige Konzept des «Viper»-Festivals ist innovativ und bedarf doch einer Revision. Einem grösseren Publikum zu zeigen, wie die Medienkunst im digitalen Zeitalter ihren eigenen Standort sucht und - allmählich - findet, bleibt ein förderungswürdiger Anspruch. Ihn einzulösen, bedarf jedoch der Umgestaltung der Art und Weise, wie die einzelnen Medienkünste (Film, Video, CD-ROM, Internet usw.) «ausgestellt» werden können. Eine verbesserte Präsentation der künstlerischen Arbeiten hätte m. E. folgende Aspekte zu berücksichtigen: Erstens ist eine veranschaulichende Übersetzung der digital basierten Werke (CD-ROM, Internet, Netzkunst usw.) nötig. Die karge Oberfläche der nur individuell bzw. «einsam» zu bedienenden Monitore muss ersetzt oder ergänzt werden durch eine während der Ausstellung in Szene gesetzte wahrnehmungsgerechtere Performanz. Dies ist kuratorisch und technisch möglich, wie beispielsweise Führungen zu dem Netzkunst-Projekt der Künstlergruppe Jodi im plug-in (Install.exe) bestätigen: Eine geschickte Visualiserung kann ein nichtcomputerversiertes Publikum in die Geheimnisse der digitalen Welten so einführen, dass Denkbilder über die zunehmende Medialisierung unseres Alltags entstehen, zeitnah und nachhaltig. Die Sichtbarkeit, Hörbarkeit, allgemeiner: Lesbarkeit unserer computervernetzten Welt der Information und Kommunikation sowie ihre ästhetische Reflexion und Kritik müsste zum Fokus der konzeptuellen Überlegungen der «Viper» gemacht werden.
Zweitens ist die Aufteilung der Sparten - Film, Video, CD-ROM, Internet - auch in medientechnischer Hinsicht überholt und begrifflich problematisch. Dies liegt an einem zu sehr werkzeug- und stoffgebundenen Begriff des Mediums. Mit dem Computer als Medium der Medienintegration hat sich gezeigt, dass die jeweilige Eigensinnigkeit der Medien (Fotografie, Film, Video, Computerkunst und -kultur usw.) ebenso wichtig ist wie die multimediale bzw. intermediale Verkreuzung. Die Performance-Kunst der Video-Installationen, Tanz-Choreografien und des post-dramatischen Theaters wären das avantgardistische Vorbild für eine «Viper», die sich spartenübergreifend nach Themen orientieren sollte.
Drittens könnte die «Viper» als Event oder Experiment besser vom Publikum in Basel goutiert werden, wenn möglichst viele Kunst- und Kulturinstitutionen einschliesslich der an der Frage nach dem Einfluss der Medien interessierten Disziplinen der Universität, der FHBB usw. in die Konzeption und Realisierung einbezogen würden.
Georg Christoph Tholen, Ordinarius und Leiter des Medienwissenschaftlichen Instituts der Universität Basel
Wachstum und Eigenständigkeit
Nach dem kurzfristigen Wechsel im Leitungsteam von «Viper» hätte man wohl besser einen Marschhalt eingelegt, um das Festival im neuen Kontext grosszügig frisch zu positionieren. Doch «Viper» blieb nur die harte Chance, die verbliebenen Wochen der Vorbereitungszeit zu nutzen. Wir können die Direktion der «Viper» zu ihrem Engagement nur beglückwünschen. Unter gnädigeren Rahmenbedingungen wird das Festival bestimmt noch Eindrücklicheres zeigen. Diese Chance müssen wir dem Team und nicht zuletzt auch unserer Stadt einräumen.
Freilich muss sich «Viper» neu orientieren. Ein Festival im Bereich der Neuen Medien, das sich nicht in Permanenz neu orientieren will, ist sinnlos. Das Festival muss wachsen, nur dann hat es eine langfristige Chance. «Viper» muss jedoch nicht nur im Budget wachsen, sondern auch in den inhaltlichen Ansprüchen. Überdies muss das Beziehungsnetz dichter werden. Die Direktion sollte sich von einer Gruppe von Expertinnen und Experten beraten lassen und die Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen, gestalterischen, technologischen und ökonomischen Fragen, die sich im Bereich der Interaktivität stellen, zumindest für die Schweiz als Claim abstecken.
Von einer Fusion der «Viper» mit dem HyperWerk halte ich nichts: Zwar freut sich HyperWerk so sehr wie die Medienschaffenden der Region, dass «Viper» unseren Anliegen ein Sprachrohr bietet und das regionale Geschehen international einbindet. HyperWerk erhofft sich eine Erweiterung der Synergien, die sich in den letzten Jahren ergeben haben; eine Fusionierung würde diese belebende Vielfalt jedoch abtöten. Basel braucht eine unabhängige «Viper»; erst damit wird die Basis für den produktiven Austausch geschaffen.
Mischa Schaub, Leiter des HyperWerks Basel
Sich ergänzende Institutionen
Was Annika Blunk und Rebecca Picht in nur drei Monaten zustande gebracht haben, ist toll. Die Raumgestaltung im Theater mit der White Box war ein überzeugender Wurf. Es war auch sinnvoll, ein abgespecktes Programm durchzuführen, nicht nur weil es sich heuer um ein Übergangsjahr handelt, sondern auch weil eine Konzentration ohnehin dringend notwendig war.
Ich bin gespannt auf die Visionen der neuen Leitung für die Zukunft des Festivals. Ich halte nicht viel davon, wenn jetzt alle, die das Festival als Zaungäste mitbekommen, gute Ratschläge erteilen wollen. Annika Blunk und Rebecca Picht sind kompetent, erfahren, neugierig - ich habe grosse Lust, mich von ihnen überraschen zu lassen.
«Viper» und «plug.in» zusammenzulegen, ist sicher kein Thema. Wir haben eine andere Geschichte, einen anderen Auftrag, und können uns als zwei separate Institutionen bestens ergänzen. Ich freue mich jedenfalls sehr auf eine Intensivierung unserer Zusammenarbeit. Es wäre fatal, diesen Moment des Übergangs nun zu nutzen, um das Festival zu schwächen - dabei würde Basel meiner Meinung nach eine grosse Chance verspielen.
Annette Schindler, Leiterin des plug.in, Forum für Neue Medien Basel
Mehr Kommunikation mit der Stadt
Die diesjährige «Viper» hat sich trotz kurzer Vorbereitungszeit kompetent und im optischen Erscheinungsbild sehr gut präsentiert. Hingegen wurde zu wenig in die Stadt kommuniziert. Die «Viper» sollte sich auf keinen Fall mit der «Art» oder der «Liste» verbinden, da dies völlig verschiedene Anlässe sind. Wenn eine Anbindung, dann in erster Linie an Kunsthalle, Hochschule für Gestaltung und Kunst und Universität.
Die «Viper» muss ein konzentriertes Festival bleiben, an dem Wissenschaft, Forschung, Praxis und künstlerische Interventionen in Bezug auf Neue Medien sich präsentieren, vernetzen und öffentlich kommunizieren. Wichtig für Basel sind Anlässe, die international interessante Personen in die Stadt bringen, die neben dem Event auch künstlerische und intellektuelle Nachhaltigkeit verbreiten.
Gilli und Diego Stampa, Galerie Stampa, Basel
Aussagen protokolliert von hm
© Basler Zeitung; 2002