Alexander Marzahn, Basler Zeitung/Kultur aktuell, zu Barnaby Drabble und Dorothe Richter - Curating Degree Zero, 06.02.03

    Expedition zum Nullmeridian des Kuratierens
    «Curating Degree Zero»: Das [Plug.in] denkt über Ausstellungskonzepte im Medienzeitalter nach

    Wie bitte lässt sich Kunst, die unfassbar, flüchtig, Pixel geworden ist, noch präsentieren? Wie positionieren sich junge Ausstellungsmacherinnen und -macher in einem Kunstbetrieb, der sich unter ganz anderen Vorzeichen verfestigt hat? Zwischen virtuellen und realen, subversiven und etablierten Kunsträumen schwirren neue kuratorische Konzepte hin und her; beflügelt wohl von der medialen Warmluft; zugleich aber ist Kritik und Suche nach Methoden der Vermittlung und Verwahrung seit jeher Teil des Betriebssystems Kunst.

    Im Basler Medienforum [plug.in] legen zurzeit Kuratierende ihr Material, ihre Ideen und Kriterien offen: «Curating Degree Zero» heisst die von Barnaby Drabble und Dorothe Richter (Bremen) konzipierte, aus einem Symposium in Bremen (1998) hervorgegangene Schau, in der rund 50 Kuratierende oder «Labels» Einblick in ihre Arbeit gewähren: die meisten unter 40 Jahre alt, die meisten aus Europa, und viele zwischen Lehrauftrag, Kunstverein und freier Ausstellungstätigkeit pendelnd.
    Moderner Zettelkasten
    Wie aber kuratiert man das? Da an die Wand gepinnte Thesenpapiere gar fade wären, präsentiert sich «Curating Degree Zero» als reisefreudiges Archiv, als Work-Station oder Info-Desk zwischen Theorie und Praxis, das nach Basel u. a. auch in Linz, Genf und Turin Halt machen wird. Der Spagat zwischen trockener Information und attraktiver Präsentation macht den sperrigen Inhalt zur Form: Das Zürcher Label «Elektrosmog» hat dem Archiv ein Gesicht gegeben, ein «Brand» namens Reiselust, das die (geistige und physische) Beweglichkeit des Kuratorenstands visualisiert.

    So erwarten Gepäckwagen und Weltkarte die Besucher, eine permanente Diaprojektion stellt die Beteiligten kurz vor, und auf der Homepage winkt neben Links und Biografien auch je ein Bild des Gepäckstücks, in dem das Dossier der gezeigten Person zu finden ist: gewissermassen ein moderner, rein visueller Zettelkasten.

    Um sich ein Bild zu machen, muss man allerdings erst selbst tief in die Tasche greifen. Nicht in die eigene; das [plug.in] verlangt kein Eintrittsgeld. Aber ein wenig Zeit und Forscherehrgeiz schon. Mit etwas Glück und Geduld aber wird auch der interessierte Laie an diesem «Nullmeridian» seine Entdeckungen machen. Denn für «Curating Degree Zero» darf er für einmal ungestraft in fremdem Gepäck stöbern: Auf sechs SBB-Gepäckwagen stapeln sich Reise und Handtaschen, gefüllt mit Katalogen, Aufsätzen, Videos, CDs und Pamphleten. Wie die Hüllen wirken natürlich auch deren Inhalte farbig oder grau, modisch, antiquiert oder zeitlos.

    Grundlagenforschung
    Dank seiner offenen Struktur aber präsentiert sich das Archiv als spannender, netzwerkartiger Schaukasten der Konzepte, deren theoretischer Unterbau mitunter zwar nach der stürmischen Ideologiekritik der Siebziger riecht, für Grundlagenforschung allerdings auch hier am einzig richtigen Ort ist. Schon das Bündeln und Bereitstellen des Wissens und Vermutens ist ein nicht unbedeutender Verdienst in Zeiten, in denen Kunstbegriffe oft vor ihren Erfindern das Zeitliche zu segnen pflegen.
    Wie das Zeitalter der Technologien rast, zeigt am Rande übrigens die Publikation, die anlässlich des Bremer Symposiums erschien: Die Handhabung der beigelegten CD-ROM wird geduldig erklärt: «Ein Klick mit der Maus, und Sie gelangen zum entsprechenden Kapitel.» Auch hier hat Erkenntnis nicht nur mit Geduld, sondern auch mit Glück zu tun.

    Alexander Marzahn

    © Basler Zeitung 2003