Freiherr von Knigge als Hacker der ersten Stunde
Die Mediengruppe Bitnik spricht über die Taktik des Hackings
Interview: Karen N. Gerig
Die Taktik des Hackings ist für die Projekte der Mediengruppe Bitnik zentral. Darunter versteht die Zürcher Künstlergruppe eine «clevere Lösung für ein interessantes Problem». Wenig erfreut zeigte sich das Zürcher Opernhaus, als die Mediengruppe Bitnik im vergangenen Jahr mehrere Wanzen in ihrem Haus platzierte und Puccinis Oper «La Bohème» live via Telefonschaltung in 120 zufällig ausgewählte Zürcher Haushalte übertrug. Die Wanzen waren bald verschwunden, die nationale Bekanntheit von Bitnik aber stieg. Das Pojekt «Opera Calling» wurde fürs Basler Medienfestival Shift im Oktober in leicht abgeänderter Form neu aufgewärmt. In ihrem neuesten Projekt will die Gruppe um Carmen Weisskopf und Domagoj Smoljo nun die Mechanismen und die Sprache des globalisierten Arbeitsmarktes experimentell untersuchen.
baz: Was bedeutet «Hacking» im Verständnis der Mediengruppe Bitnik?
Bitnik: «Hacking» bedeutet für uns, ein bestehendes System herauszufordern,
indem wir es in einer Weise reproduzieren oder umstrukturieren, die den TeilnehmerInnen oder Drittpersonen eine neue Sicht ermöglicht. Wir dekonstruieren vorgegebene Strukturen, um verborgene Bruchstellen sichtbar zu machen. Denn die Brüche eines Systems zeigen immer auch auf, wo es notdürftig am Funktionieren gehalten wird. Kurz gesagt, ist «Hacking» also der kreative Eingriff in ein bestehendes System, um es für einen anderen als den vorgesehenen Zweck zu nutzen und ihm neue Funktionsweisen einzuschreiben, die, meist verborgen, bereits implizit im System angelegt waren.
Hacking ist eine Praxis an der Grenze zur Illegalität – ist das kein Problem
für Sie?
Nein. Wir unterscheiden da klar zwischen «Hacking» und «Cracking». «Hacking» ist in seiner ursprünglichen Bedeutung das kreative Weiterentwickeln eines Systems, eines gegebenen Rahmens. «Cracking» hingegen ist das unerlaubte Einbrechen in ein Computersystem, um es sich anzueignen. «Hacking», wie wir es verstehen,
hat zwar auch damit zu tun, ein System zu öffnen, es geht dabei aber nicht um einen Missbrauch oder eine Zerstörung des Systems, sondern vielmehr darum, das System weiteren Nutzungen zu öffnen, es weiterzuentwickeln. So gesehen gibt es «Hacking» und Hacker auch schon seit Langem: Freiherr von Knigges 1788 erschienenes Buch «Über den Umgang mit Menschen» könnte man zum Beispiel
als Hack sehen, denn er hat darin versucht, die Ideen der Französischen Revolution in eine eigentlich politische Verhaltenslehre umzusetzen. Sein Ziel war es unter anderem, den Bürgern beizubringen, sich auf dem glatten Parkett des Hofes richtig zu benehmen. Indem er die ungeschriebenen Verhaltensregeln des Hofes in einem Buch offen beschrieb, hat er versucht, Nicht-Hofangehörigen Zugang zum Hof zu vermitteln.
Worin besteht nun der Hack am neuen Projekt «Our Man in India»?
Mit «Our Man in India» wollen wir ins System des globalen Stellenmarktes eingreifen. Dort geht es darum, aus dem weltweit vorhandenen Humankapital das Beste für die eigene Organisation zu gewinnen. Der Stellensuchende soll flexibel, anpassungsfähig, gut gebildet, mit Sozialkompetenz ausgestattet und hochmotiviert sein. Er durchforstet die Stellenangebote, bewirbt sich, erlebt immer wieder Zurückweisung. «Our Man in India» fasst die gefundenen Stellenanzeigen als persönliches Angebot auf, auf die man ja dann auch persönlich antworten muss. Akteur des Projektes ist ein Mitarbeiter einer indischen Outtasking-Firma, der als Bitnik-Angestellter den Auftrag bekommen hat, während der Öffnungszeiten im Plug.in statt mit einer Bewerbung mit persönlichen Absagen auf europäische Stellenanzeigen zu reagieren.
Eine Intervention also, die das globale Machtgefüge des Internets miteinbezieht?
Ja, die herrschenden Spielregeln sollen kritisch beleuchtet werden. Indem wir den globalisierten Arbeitsmarkt auf eine persönliche und individuelle Ebene zwingen,
wollen wir das Machtgefüge, das Verhältnis von Angebot zu Nachfrage hinterfragen. Damit, dass die aktive Rolle aber nicht die Mediengruppe Bitnik übernimmt, sondern ein bezahlter indischer Partner, findet das Projekt im Setting des globalen Outsourcing statt. Der europäische Markt öffnet sich nur langsam und zögerlich für andere Regionen und obwohl Europa gerne hochqualifizierte Top-Cracks anziehen will, sollen mittlere und schlechter qualifizierte Arbeiten mittels Outsourcing und Outtasking lieber ausserhalb von Europa erledigt werden. Unser Inder fühlt sich also von Stellenanzeigen angesprochen, die zwar auf dem globalen Arbeitsmarkt veröffentlicht werden, aber nicht für ihn gedacht sind.