Beklemmende Online-Tragödie – «LOL» von «n3krozoft mord»
[02:03:40] [ ripper ] rippercam is up
[02:03:46] [ ripper ] I got a grip of drugs
[02:03:51] [ grphish ] show us ripper
Mit diesen Zeilen beginnt die Aufzeichnung eines Internet-Chats vom 12. Januar 2003. «Ripper» ist der Nickname des 21jährigen Brandon Vedas, der in dieser Nacht an einem Medikamenten- und Drogen-Cocktail starb, während er chattete und über seine Webcam online zu sehen war. Die Webcam wurde nicht aufgezeichnet, das Protokoll des Chats jedoch war kurz darauf auf mehreren Webseiten zu lesen. Dieses Dokument bildet den Ausgangspunkt der Performance «LOL» der Genfer Multimedia-Gruppe «n3krozoft mord», gezeigt als Schweizer Uraufführung am vergangenen Donnerstag im Basler [plug.in].
Ein Schauspieler stellt «ripper» dar, wie er an seinem mit Geräten und Essensresten übersäten Schreibtisch sitzt, chattet und Drogen schluckt. Seine Handlungen werden mittels einer Webcam auf eine Leinwand übertragen. Dort sind auch die Bilder einer zweiten, bewegten Kamera zu sehen, die stark bearbeitet werden und das Innenleben des Berauschten zu wiederspiegeln scheinen. Im Zentrum der Performance steht jedoch der Text. Die mit einem Timecode versehenen Dialoge nehmen den grössten Teil der Projektion ein. Die Zeilen erscheinen dabei im gleichen zeitlichen Ablauf, wie sie in jener Nacht geschrieben worden waren. So erlebt das Publikum lesend, wie «ripper» auflistet, was er zu sich nimmt, und die anderen auffordert, ihm auf der Webcam dabei zuschauen. Zunächst wird er angefeuert. Als klar wird, dass «ripper» auf eine lebensgefährliche Überdosis zusteuert, werden die Kommentare zunehmend besorgt. Die Chattenden versuchen ihn davon abzuhalten, noch mehr einzunehmen. Sie diskutieren darüber, ob sie einschreiten sollen, indem sie die Ambulanz oder die Polizei einschalten. Mit detektivischem Eifer versuchen sie, die Wohnadresse des anonymen «ripper» herauszufinden. Sie schaffen es aber nicht, die gefundenen Informationen zusammenzufügen, in die reale Welt zu übersetzen und dort tatsächlich einzuschreiten. Sie scheitern letztlich an der Frage, was am Geschehen im virtuellen Raum real ist.
Der Gruppe, die sich mit «ripper» im Kommunikationsraum des Chat befindet, gelingt es nicht, ihn im physischen Raum zu retten. Diese Zweiteilung mit ihrer Gleichzeitigkeit von Präsenz und Absenz ist im Setting der Performance gespiegelt. Das Publikum erhält Einblick in beide Räume. Das Geschehen auf dem Screen wirkt allerdings viel anziehender, ja realer als das vom Schauspieler Dargestellte. Der Eindruck wird dadurch verstäkt, dass der Performer eher für die Webcam als direkt für das Publikum zu spielen scheint. Die zwei Realitäten können nicht zusammengeführt werden, im Vorfall wie in der Aufführung. Die Lücke zwischen dem physischen Raum und dem Kommunikationsraum, die «ripper» zum Verhängnis wurde, wird evident.
Zur beklemmenden Wirkung der Performance trägt der Musiker «10111.org» bei, der aus wummernden Subbässen und hochfrequenten Dissonanzen einen Live-Soundtrack schichtet. Ein Teil der Audiospur gibt allerdings in der anschliessenden Diskussion zu reden. Eine einzige Person aus dem Chat, eine, die besonders emotional zu reagieren scheint, hat eine – weibliche – Stimme bekommen, die einige Zeilen vorliest. Handelt es sich dabei um die Projektion einer Art romantischen Retterin seitens der jungen, männlichen Künstler?
Die Gruppe «n3krozoft mord», die bereits in ihrem Namen Tod und Medientechnologie verbin-det, interessiert sich für die Morbidität der Telekommunikation. Sie ist auch Thema der Audioarbeit «Ubik», die neben einer installativen Version von «LOL» noch bis zum 17. Oktober im [plug.in] zu erleben ist. «Ubik» basiert auf dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman von Philip K. Dick, der beschreibt, wie mit Hilfe von Technologie das Bewusstsein von Toten erhalten wird. Die Behandelten kommunizieren aus diesem halblebendigen Zustand über Stimmen.
In der Performance vom Donnerstag brachte auch der Zufall den Tod und die Technik zusammen. In dem Moment, in dem «ripper» im Chat-Protokoll nicht mehr antwortete, stürzte einer der Steuercomputer ab.
[02:55:32] [ Oea ] he's gone
[02:55:46] [ Smoke2k ] hes fuckin not responding