Jolanda Bucher, Regioartline, zur Regionale 4, 16.12.03

    Geschichten, die sich die Welt nach Hause holen
    Installationen und Projektionen mit Video erzählen als Beitrag zur Regionale.4 im Basler [plug.in] von den kleinen Gesten privater Lebensbewältigung. Von Jolanda Bucher

    Im Foyer von plug.in plätschert der „Zimmerbrunnen“ von Copa & Sordes

    Idyllisches Wasserplätschern und Vogelgezwitscher kommen der Besucherin beim Betreten des [plug.in] zu Ohren. Ungewohnte Töne für einen Ort, der sich den Neusten Medien verschrieben hat. Wird hier der Versuch gemacht, die einer digitalisierten Welt abhanden gekommene Natur zurückzuerobern – wenigstens in Form eines Zimmerbrunnens? Copa & Sordes überwinden mit ihrer Videoinstallation den Graben zwischen Natur und Technik auf spielerische und ironische Weise. Brunnenwasser ergiesst sich scheinbar über die Grenzen dreier treppenhaft angeordneter Bildschirme hinweg. In der Verbindung von Innen- und Aussenraum vereint bereits der Titel getrennte Sphären, Copa & Sordes verschmelzen aber auch Malereimotive mit Video: Sie gestalten das gefilmte Bild als nur leise bewegtes und belebtes Stilleben.

    Auch die weiteren im Rahmen der Regionale 4 vereinten Videoinstallationen inszenieren private Erfahrungswelten, ohne es zu versäumen, die Aussen- bzw. Umwelt an gewissen Stellen immer wieder einsickern zu lassen. Die Jury, bestehend aus Delegierten von regioartline, hat also nicht nur nach medienspezifischen, sondern auch nach thematischen Kriterien ihre Auswahl getroffen. Angesichts der begrenzten Platzmöglichkeiten im [plug.in] eine Entscheidung, die den verschiedenen künstlerischen Positionen entgegenkommt. Da die KünstlerInnen in ihren Werken vergleichbare Inhalte reflektieren, entwickelt sich ein Netz über die einzelnen Arbeiten hinweg. Obwohl die sich überlagernde Geräuschkulisse zuweilen störend oder irritierend wirkt, vermag sie fruchtbare Bezüge zu schaffen. Das eher behaglich tönende Knistern des burning house in landscape (Hagar Schmidhauser) könnte durchaus von einem Cheminéefeuer im Wohnzimmer der Homestory (stöckerselig) herrühren.

    Ein Stilleben aus stöckerselig’s Küche trifft auf die kleine Geste
    kulturellen Austauschs mit China des Trios Eriksson/Saemann/Schmidhalter.

    Ähnlich dem Zimmerbrunnen nehmen auch die beiden letztgenannten Installationen Aspekte klassischer Gattungen der Malerei auf. Mit burning house in landscape hat Hagar Schmidhauser ein dreidimensionales Landschaftsbild geschaffen. Der Vordergrund greift in den realen Raum hinein: Eine hellgrüne Papierbahn steigt hügelartig an und geht in die projizierte Landschaft über. Darin steht ein Haus – kulissenhaft, vereinzelt, irgendwie fehl am Platz. Ein menschliches Hauchen ertönt, Flammen entzünden sich und innert kurzer Zeit wird das „Zuhause“ hinweggerafft. Das vermeintliche Holzhaus entpuppt sich im Verbrennungsprozess als papiern – nicht ein „echtes“ Zuhause, sondern dessen Illusion ist zerstört. Demgegenüber steht die Homestory mit ihren narrativen Innenräumen. Gross- und kleinformatige Videobilder dokumentieren alltägliche häusliche Begebenheiten und gebärden sich wie moderne Genrebilder. Sie handeln aber nicht allein vom Rückzug ins Private. Da ist beispielsweise eine Globuskugel auf einer Fensterbank platziert. Der Ausblick fällt durch das Geäst eines Baumes auf eine städtische Umgebung. In geraffter Form gesellt sich zur räumlichen die zeitliche Dimension. Die unentwegte Abfolge von Tag und Nacht und die sich drehende Weltkugel erzeugen ein Spannungsverhältnis. Die Bilder überlagern sich, kommen ins Stocken. Die Zeit wird zugleich beschleunigt und gebremst wahrgenommen. Homestory konfrontiert uns mit gegensätzlichen räumlichen und zeitlichen Bedingungen, deren Vereinbarung uns täglich herausfordert.

    Ob Video, ob Scherenschnitt: Lena Erikssons Gesten führen mit kindhaften
    Buntheit in eine flüchtige Märchenwelt.

    Projektionen von Irene Maag, Daniel Brefin und Maksymilian Rigamonti sind in der „Black Box“ im Untergeschoss des [plug.in] zu sehen. Die Atmosphäre in dieser ganz auf die Werke konzentrierten Situation ist eine völlig andere und veranschaulicht, wie stark der jeweilige Präsentationsraum sowohl das Kunstwerk als auch dessen Rezeption beeinflusst. Anders als der abgedunkelte Ort des Untergeschosses sind Räume und Ausstattung im Erdgeschoss sehr präsent. Hier kommunizieren einzelne Werke miteinander, verbinden sich darüber hinaus mit der Arbeitsstätte der MitarbeiterInnen des [plug.in] – etwa zu einer Art Gesamtkunstwerk?

    Beteiligte KünstlerInnen sind
    Peter Vittali, Hagar Schmidhauser, Lena Eriksson, Copa & Sordes, Andrea Saemann, stöckerselig, Irene Maag, Daniel Brefin, Maksymilian Rigamonti, Silvia Bergmann, Katja Loher.

    [plug.in], St. Alban-Rheinweg 64, CH-4052 Basel
    Öffnungszeiten: Mittwoch 14.00 bis 18.00 Uhr, Donnerstag bis Sonntag: 11.00 - 17.00 Uhr (24., 25., 31. Dezember und 1. Januar geschlossen)
    Bis 4. Januar 2004
    www.weallplugin.org
    www.regionale4.net

    Veranstaltung im [plug.in]
    Donnerstag, 18. Dezember, 20.00 Uhr:
    Videoorchester mit Silvia Bergmann, Katja Loher und Gästen