Terrorismusbekämpfung am Beispiel von Tomaten
Ein Bericht von Annina Zimmermann
Mit Shu Lea Cheang machte eine der international umtriebigsten Netzkünstlerinnen kurz Halt im Basler [plug.in].
Noch gibt es nur wenige Künstler und Künstlerinnen, die der Titel "Netzaktivistin" so passend beschreibt wie Shu Lea Cheang. Nicht nur, weil die New Yorkerin taiwanischer Abstammung so unglaublich produktiv ist. Nach dem frühen Erfolg ihrer Netzarbeiten im Auftrag grosser Institutionen hat sie gar das New Yorker Atelier aufgegeben und ist, nomadisierend von Gastdozentur zu Gastkuratorium zu in Institutionen "gehosteten" Ausstellungs- und Netzprojekten eigentlich nur noch auf ihrer Webseiten zu Hause. Wie keiner andern Künstlerin ist es ihr dabei gelungen, mit Auftragsarbeiten die Museen zu infiltrieren, oder wie sie sagt, deren Server zu "squatten". Aktivistin zu nennen ist sie aber auch wegen ihres politischen Engagements: So entwickeln ihre Filme, Installationen und Webprojekte feministische Pornos, fordern zur subversiven, gar piratischen Nutzung der neuen Medien auf oder entwickeln alternative Marktsysteme auf der Basis von Knoblauch.
Umso erstaunlicher also, wie Shu Lea Cheang gestern Abend ihren Vortrag im [plug.in] einleitete: Ausgangspunkt ihrer derzeitigen Arbeit mit den Studierenden der Zürcher Hochschule ist die "Fatigue", dass sich die Aufregung im und über das Netz lege, die viele Hoffnungen sich erschöpften. "Inter----mission" heisst deshalb die Sammlung studentischer Arbeiten, die Cheang für eine Webseite (in progress) und einen Präsentationsabend im Zürcher Kunstraum Walcheturm vorbereitet. Was passiert, wenn die Kontrollapparatur des Datenflows abstürzt? In New York die Elektrizität ausfällt? Die Überwachungskamera sich kurzschaltet, gerade dann, wenn die Bank beraubt wird und der Parkwächter blinzelt? Natürlich wäre Shu Lea Cheang nicht Shu Lea Cheang, wenn solche Pausen nur zur Erholung dienten, um danach das System umso effizienter zu betreiben. Sie interessieren Zwischenräume als Chance, Prozesse überborden zu lassen und sie so ironisch zu unterwandern.
So werden – ein boshafter Kommentar zur derzeitigen Paranoia auf Flughäfen – unter ihrer Anleitung mit Wiedererkennungsprogrammen Tomaten minutiös kategorisiert, Abweichler kategorisch ausgesondert und zu Sugo verkocht. Eine andere Studentin ruft auf dem Netz auf zur logischen Konsequenz zeitgenössischen Mobilität – und entwirft die Vision von zu Parkplätzen umgebauten Kirchen, Parks und Bahnhofshallen.
Das gemeinsame Surfen unter Anleitung der Autorin führte eine Reihe von Projekten vor Augen, deren Stärke es ist, komplexe Anliegen in knappe und eingängige Aussagen zu verdichten und in übersichtlichen und fast wortlos verständlichen Interfaces zu fassen. Sie hätte beschlossen, nur noch Projekte zu machen, die "Spass" machen, kommentierte fast schon kokett die Vortragende. Offen bleibt, ob sie Spass entdeckt hat um die eigene künstlerische Verausgabung zu kompensieren – oder ob nicht wir es sind, die mit Humor geködert werden, uns mit ernsthaften politischen Entwicklungen und sozialen Ungerechtigkeiten zu befassen.
shulea.worldofprojects.info
Kommenden Dienstag spricht in Basel Shu Lea Cheangs Kollege Armin Medosch zum Thema "Neue Medien im Alltag, Interaktion zwischen Individuum und Institutionen" im Rahmen der Reihe "under construction" der Kunsthalle und des ETH Studio Basel. Gemeinsam mit ihm kuratiert Cheang ihr bisher grösstes Projekt: "The Kingdom of piracy"
Stadtkino Basel, Klostergasse 5, 4051 Basel (via Theaterplatz, beim Kunsthallegarten)
27. Januar 2004, 19.00 Uhr
Webseite "under construction":
www.nsl.ethz.ch/index.php/content/view/full/729/
Kommende Veranstaltungen von Shu Lea Cheang in der Schweiz:
INTER----MISSION
Installation 01 des SNM-HGKZ development open lab
Kunstraum Walcheturm, Kanonengasse 20, 8004 Zürich
7. bis 10. Februar
Webseite Inter---mission:
snm01.snm-hgkz.ch/~intermission/
RAMJAM - ZURICH RUSHHOUR mit Mumbai Streaming Attack
Samstag, 7. Februar 13.00 bis 18.00 Uhr
Live Broadcasting einer auf Zürichs 13 Tramlinien basierender Komposition im Kunstraum Walcheturm und auf www.reboot.fm
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