Moralischer spielen: Ökologie und Netzwerkkünstler
Silke Bitzer
28.02.08
Am Anfang steht das Wort. Und zwar in Form der zehn Gebote: Die finnische Künstlerin Tea Mäkipää hat Verhaltensregeln für das 21. Jahrhundert zusammengetragen, die am Eingang des Basler plug-in auf einem Leuchtkasten prangen. Fliege nicht steht da oder Meide alle Produkte mit Plastikverpackungen. Regeln und Empfehlungen, die derzeit schon im Einsatz sind, und deren Befolgung oder Nichtbefolgung sich auf nachkommende Generationen ebenso auswirken wie sich deren Bedeutung verändern wird.
Um das ökologische Gleichgewicht, die Beziehung von Mensch und Umwelt geht es auch Iñigo Manglano-Ovalle. An der Wand hängt ein Flatscreen, der ein grünmonochrom gepixeltes Bild einer trostlosen Landschaft zeigt. Links davon steht eine Wetterantenne, die mit einem unübersehbaren Kabel mit dem Monitor verbunden ist. You dont need a weatherman heißt die Arbeit. Und in der Tat brauchen wir keinen Wettermann, der uns sagt, woher der Wind weht, der uns beim Thema Umwelt doch immer heftiger ins Gesicht bläst. Die Installation veranschaulicht, dass und wie wir selbst das (Raum)Klima beeinflussen. So misst die Wetterantenne den Luftdruck des Raumes, der sich mit unserer Anwesenheit verändert. Sichtbar gemacht durch die Übertragung dieser Daten an einen Computer, der wiederum Störungen oder Bewegungen im Bild verursacht. Manglano-Ovalle bietet weniger einen Lösungsansatz an als vielmehr das Sichtbarmachen von Ursache und Wirkung, das Sensibilisieren für das empfindliche Gefüge Mensch-Umwelt.
Von Lösungsansätzen und Denkanstößen
Stand im ersten Teil der Ökomedien-Ausstellung der Planet Erde sowie der Umgang mit Ressourcen im Vordergrund, geht es im zweiten Teil vor allem um die Produktion und Verteilung von Nahrung.
Insa Winkler arbeitet an der Schnittstelle von Kunst und Natur. So begann die Künstlerin vor einigen Jahren mit der Schweinezucht. In der gezeigten dokumentarischen Video-Arbeit, die neben einem als Performance angelegten Eichelschwein-Rennen sicherlich den Höhepunkt dieses außergewöhnlichen Projekts markiert, wird aus der Sicht der Schweine über massen- bzw. artgerechte Aufzucht und Tierhaltung laut nachgedacht. In unmittelbarer Nachbarschaft zu dieser idyllisch-natürlichen Ist-Situation steht das künstlich-visionäre Szenario Pig City des Rotterdammer Architekturbüros MVRDV. Deren Ansatz ist es, Hochhäuser zu entwickeln, in denen die Tiere von ihrer Geburt bis zur Schlachtung ein artgerechtes Schweine-Leben führen sollen. Doch damit nicht genug: Ausgestattet mit einer Bioglaskuppel sowie einem intelligenten Wasserkreislaufsystem sollen die Pig Towers zusätzlich auch einen ökologischen Beitrag zur Energieerzeugung und zum -verbrauch leisten.
Welche langen Wege mitunter unsere Nahrung geht bis sie beim Konsumenten angelangt ist, verdeutlicht die Gemeinschaftsarbeit MILKproject von Esther Polak und Ieva Auzina. Ein Blick hinter die abstrakten Großindustrie-Kulissen zeigt den Bauer auf dem Feld oder den Käseverkäufer auf dem Markt. Sie alle bekamen einen GPS-Empfänger, der ihre alltäglichen Arbeitswege aufzeichnete. Durch den Einsatz verschiedener Medien, Bild- und Tondokumente werden die Komplexität und Dependenzen solcher Systeme offen gelegt. Einen inhaltlich ähnlichen Ansatz verfolgt die Gruppe Free Soil, die hierfür einen Marktstand mit echten Orangen installiert haben, an dem der Besucher sich digital als Schrebergärtner oder Stadtplaner betätigen kann. Vor allem an diesen Arbeiten wird der partizipatorische Ansatz deutlich, wie ihn die Kuratorinnen Yvonne Volkart, Sabine Himmelsbach und Karin Ohlenschläger für die Ökologie und die Ökomedien formuliert haben. Netzkunst und Neue Medien scheinen gleichsam prädestiniert, abstrakte Daten und komplexe Strukturen sinnlich erfahrbar zu machen und neue Wege zu gehen. So auch bei Eva und Franco Mattes, deren Reenactment-Arbeit das von Beuys auf der d7 geplanten Eichenprojekt in der virtuellen Welt von Second-Life mithilfe der dortigen Bewohner in die Tat umsetzt.
Vision und Wirklichkeit
Neben der Nahrungsmittelthematik widmen sich zwei Arbeiten der Energiefrage. Die Videoinstallation A Moral Equivalent of War schildert einen Roadtrip von Christina Hemauer und Roman Keller. In einem Pickup, beladen mit Solarpanels, begaben sich die beiden Künstler auf die Suche nach Jimmy Carter, der Mitte der Siebziger Jahre nach der ersten Ölkrise eine Solaranlage auf dem Dach des Weißen Hauses installieren ließ, um auf die größte Abhängigkeit der USA aufmerksam zu machen. Doch scheiterte seine persönliche Vision kurze Zeit später an einer konservativen Politik: die Anlage wurde abgebaut. Dass innovative Ideen auch auf fruchtbaren Nährboden fallen können, führt die Arbeit von Andrea Polli vor Augen. Für ihre Idee, Windturbinen auf der Queensboro Bridge wohlgemerkt dem Wahrzeichen des New Yorker Stadtteils Queens aufzustellen und zur Stromerzeugung zu nutzen, erhielt sie sogar ein Individual Artist Support-Stipendium, das ihr ermöglichte die ersten computersimulierten Szenarien des Projektes zu erstellen. Auch so kann es gehen.
So abstrakt künstlerische Arbeiten im Bereich Neuer Medien mitunter sein können, so konkret und anschaulich erscheinen sie hier. Alles in allem ist Ökomedien eine in vielerlei Hinsicht bereichernde Schau.