Oeko ohne Moralkeule
Villö Huszai
Das Basler [plug.in] zeigt eine Ausstellung als Drehscheibe für den Oeko-Diskurs.In den 90er Jahren waren digitale Medien Inbegriff des technologischen Fortschritts, sie standen für die Überwindung der Realität durch den menschlichen Erfindergeist, das Superhirn in Chipgrösse war der Triumph des Menschen über die Natur. Die Ausstellung «Oekomedien – Ökologische Strategien in der Kunst. In zwei Teilen» in der Basler Kunst-Institution [plug.in] zeugt von einem ganz anderen Geist. In den Worten der Co-Kuratorin Yvonne Volkart: «Wir wollen zeigen, dass digitale Medien uns helfen können, Natur besser wahrzunehmen. Digitale Medien können wahrnehmbar machen, wie vernetzt alles ist. In einer solchen Perspektive ist der Mensch nicht Krone der Schöpfung, sondern nur Teil des Systems.» Zu dieser Einsicht gehört entweder ein esoterischer, ganzheitlicher Geist, oder aber ein rebellischer, der gängige Hierarchien unterwandert – oder vielleicht beides zusammen. Wenn die digitale Kunst der 90er Jahre (damals Netzkunst genannt) etwas war, dann rebellisch und notorisch subversiv. Der britische Medien- und Kunsttheoretiker Matthew Fuller, der diesen Donnerstag im [plug.in] im Rahmen der Ausstellung vortragen wird, begann seine Karriere in dieser 90er-Jahre-Szene als Mitstreiter des berüchtigten Londoner Künstlers Graham Harwood und dessen Kollektiv Mongrel. Fuller, der gegenwärtig am Londoner Goldsmith-Institute forscht, wird über «Art for Animals» reden und Kunstprojekte vorstellen, in denen die Hierarchie zwischen Mensch und Tier zur Debatte steht. Er wird dabei – wie es wiederum schon für die 90er Jahre typisch war – das Kunstsystem selber zum Gegenstand der Subversion machen, denn was läuft diesem System mehr zuwider als die Vorstellung, nicht für die Krone der Schöpfung, sondern für Tiere – nicht über, nein: für Tiere! – Kunst zu machen. Der Vortrag von Fuller wird ein «Co2-neutraler Live-Videovortrag» in englischer Sprache sein, so die Veranstalter. Mit anderen Worten wird Fuller nicht eigens aus London nach Basel jetten. Womit Fuller wie die Veranstalter belegen, dass sie sich durchaus der Widersprüche bewusst sind, in welche sich die Kunst, und besonders die technologisch hocharmierte digitale Kunst, beim Thema Ökologie verstrickt. Der international vernetzte Kunstbetrieb, so die Kuratorin an einer Diskussion zum Ausstellungsbeginn, der von Kunstplatz zu Kunstplatz tourt, ist Teil der gegenwärtigen Mobilitätswahnes und damit des globalen Umweltproblems, mit dem sich die Ausstellung beschäftigt. Mehr noch gilt das für das Zivilisationsprodukt Computer, dessen Ökobilanz in mehrerer Hinsicht vernichtend ausfällt – respektive ausfallen würde, wenn man sie denn thematisieren wollte. Das hat vor kurzem mit seiner «passé immédiat» genannten Hommage an ausrangierte Computer Christian Philipp Müller auf subtile Weise getan (siehe »unsere Besprechung vom 10. April 2007); die gegenwärtige Ausstellung leistet diese medienkünstlerische Selbstkritik nur erst am Rande. Was sie aber klug und vielfältig bietet ist ein Einblick in die gegenwärtige künstlerische Auseinandersetzung mit Umweltfragen und wie digitale Medien dabei ins Spiel kommen. Mit der Arbeit «Turing Tables. An Untitled Composition for Tectonic Spaces, 2003-07» von Franz John führt sie eine Grundleistung der digitalen Medien vor Augen: die Visualisierung von Umweltdaten. Über eine Internetverbindung werden die Informationen, die weltweit von tausenden Seismografen registriert werden, nach Basel übertragen. Die Daten werden an die Wände und Decke eines Ausstellungsraums projiziert und zugleich in Klänge transformiert. Die Installation lässt den Betrachter die unzähligen Erdbewegungen als visuelle und akustische Umwelt erleben. Der Eindruck eines atmenden Wesens, eines vor Lebendigkeit und zugleich vor Gefahren strotzenden Organismus stellt sich ein; der Besucher erfährt sich als ein von diesem Organismus umfangenes, als ein darin verstricktes Wesen. Die Arbeit lässt auch exemplarisch erleben, wie Sensibilisierung und ästhetisches Vergnügen Hand in Hand gehen können. Denn, wie Volkart in dem lesenswerten und informativen Katalog, schreibt, muss Kunst nicht mit der Moralkeule für ökologische Fragen einstehen, sondern erlaubt es gerade, «Möglichkeiten anzudenken und Fantasien zu entwickeln (...), in denen eine Umverteilung der Güter als Lust erlebbar wird – eine Lust, die sich nicht aus Besserwissertum und Askese, sondern aus der Freude an der Fülle des Planeten und seiner Bewohner und Bewohnerinnen speist.» Der Genrebegriff «Oekomedien» dürfte bald verbraucht sein, doch die Botschaft, dass digitale Kunst und ökologische Fragen viel miteinander zu tun haben, wird uns noch länger beschäftigen. Im Guten wie im Bösen: Einerseits gibt es in der Computerkultur viele Ansätze für alternative Wahrnehmungs- und Handlungsweisen, andererseits ist der Computer als Motor der Globalisierung, als Stromfresser oder zu entsorgendes Gerät selbst massiver Teil des Problems.
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