Mehr als eine Ausstellung
Yvonne Ziegler
24.01.08
Die derzeit im Basler plug-in zu sehende Schau „Ökomedien – Ökologische Strategien in der Kunst heute“ ist mehr als eine Ausstellung. Die Präsentation von Werken, die sich mit unterschiedlichen ökologisch brisanten Themen auseinandersetzen, will nicht nur unsere Wahrnehmung sensibilisieren, sondern auch Handlungsspielräume eröffnen. Folglich werden nicht mit erhobenem Zeigefinger Dokumentationen von Ist-Zuständen einer zerstörten Welt gezeigt, vielmehr präsentiert „Ökomedien“ kommunikative, netzbasierte und mit neuster Medientechnik entwickelte Arbeiten. Das technische Niveau der ausgestellten „Ökomedien“ entspricht demnach dem unseres Alltags. Und was den Kuratorinnen Sabine Himmelsbach, Karin Ohlenschläger und Yvonne Volkart ebenfalls wichtig ist: Die Rolle des Einzelnen im System wird betont. Mit dieser Ausrichtung nimmt die Ausstellung eine Vorreiterrolle ein.
In Basel wird die Schau, die zuerst im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst in Oldenburg zu sehen war, in zwei Teilen gezeigt. Der erste Teil konzentriert sich auf Arbeiten, die den Planet Erde, CO2-Emission, Umgang mit Ressourcen und Gentechnik thematisieren. Der ab dem 21. Februar gezeigte zweite Teil legt den Fokus auf Energie, Transportwege, globale Abhängigkeit und visionäre Auswege.
Vom blauen Planeten
Seit der Menschheit der Sprung ins All gelungen ist, stellt man sich die Erde als „blauen Planeten“ vor. Auf einem durchscheinenden etwa ein Meter großen Wetterballon projiziert Christoph Keller ein Video, das zu gefälliger Klaviermusik einen strahlend blauen Himmel mit weißen Wolken zeigt. Krümmung und Transparenz des Ballons lassen die Projektion dreidimensional erscheinen und bilden so einen „blauen Planeten“ aus Himmel und Wolken. Eine Idylle? Nein, denn alle zwei Minuten erscheint mit lautem Getöse ein Flugzeug, das den Himmel durchbricht und diesen mit seinen Abgasen füllt. Gleich neben dieser Arbeit weist das Künstlerkollektiv infossil auf einer schwarzen Plane darauf hin, dass der Download von „2 minuten musik aus dem internet … die energie von 500 gramm kohle“ verbraucht. Der schnelle und gedankenlose Konsum von nicht erneuerbarer Energie, die wie Kohle mehrere Jahrtausende alt ist, wird durch diese nüchtern vorgetragene Tatsache anschaulich. Jeder Einzelne erhält die Möglichkeit, seinen unreflektierten, alltäglichen Ressourcenverbrauch zu überdenken.
Die Erde ist ein lebendiger Organismus. Tatsächlich sitzen wir lediglich auf der Erdkruste dieses ständig brodelnden Planeten, dessen Bewegungen in unzähligen Messstationen aufgezeichnet werden. Franz John setzt diese tektonischen Daten in Ton und Bild um. Ein Computerprogramm wandelt die seismografischen Ausschläge in Töne um, die aus Lautsprechern unter den Sitzkuben der Installation dringen. Gleichzeitig lauften die Informationen von Ort, Breiten- und Längengrad, Uhrzeit und Stärke der Erdbewegungen in grünen Lettern wie bei einem Newsticker über den in den Raum projizierten Bildschirm. Der Betrachter wird Teil der Installation, wenn grüne Schriftzüge über seinen Körper wandern und das Brummen der Lautsprecher den Boden vibrieren lässt. Mit dem ständig tickenden Curser sind die weltweit verteilten seismografischen Schreiber an einem Ort präsent. Zeigte zuvor Christoph Keller den Blick auf den Planeten Erde, so hat man hier den Eindruck in seinem Inneren zu stecken, ein Inneres, dessen Bewegungen durch den Klimawandel zunehmen.
Vom Nordpol bis zum letzten imaginären Raum der Erde
Mit Messdaten arbeiten auch Andrea Polli und Joe Gilmore. Für die Videoinstallation „N.“ greifen sie auf aktuelle akustische Wetterdaten und Bildaufnahmen von Nordpolforschungsstationen sowohl wissenschaftlicher wie militärischer Herkunft aus den Jahren 2003 bis 2006 zurück. Im kreisrunden Bildausschnitt der Videoprojektion sind die gepixelten Bilder einer Messanlage zu erkennen, die zunächst auf Eis steht und im Laufe des Videos immer mehr von Wasser umgeben sein wird. Dazwischen sind unscharfe Einblendungen von Eis, Wolken, Licht, Wasser und Undefinierbarem montiert. Gleichzeitig lassen die live übertragenen und per Programmierung veränderten Töne Wind und Wetter des unwirtlichen Ortes erahnen. Man meint einen Blick durch ein Fernrohr auf jenen kaum zugänglichen Ort zu werfen, an dem die Erdumdrehung bei Null liegt. Der projizierte Kreis nimmt die Kugelform der Erde auf. Er zeigt das Land des ewigen Eises, das durch das Abschmelzen der Polkappen drastischen Veränderungen unterworfen ist. Und doch erlebt man diese Sichtbarmachung einer Umweltveränderung nicht als bedrohlich, sondern eher als poetisch, vielleicht melancholisch, auf den Untergang eines wie Polli zitiert „letzten imaginären Raumes der Erde“ bezogen.
Unsere Eingriffe in die Ökosysteme der Erde geschehen nicht nur auf Makroebene durch Ressourcenverbrauch oder Abholzung, sie laufen auch auf Mikroebene ab. Critical Art Ensemble und Beatriz da Costa thematisieren in ihrem Projekt „GenTerra“ mittels einer Internetplattform sowie Aktionen die Verschmelzung von nicht verwandten Arten zu neuen transgenen Lebewesen. Anhand von Bakterien kann der Besucher genetische Transformationsprozesse von Bakterien selbst steuern. Es ist unschwer zu erahnen, wie eindrücklich die Erfahrung sein muss, auf einfache und absolut saubere Weise neue Lebewesen zu kreieren. Die Internetseite informiert über Gentechnologie und den Mythos der reinen Natur, das künstlerisch-wissenschaftliche Forschungslabor verspricht dabei eine bessere grüne Zukunft durch Transgenetik. Wie ernst dies gemeint ist, bleibt uneindeutig.
Ebenfalls netzbasiert operiert die Künstlergruppe Transnational Temps. Auf ihrer Internetseite sind vom User verschiedene Diskussionsplattformen anwählbar. Die sich dort entwickelnden Diskussionen zu Ozonloch, Meeresspiegelerhöhung, Regenwald und Gletscherschmelze können per Snapshot fotografiert und als Postkarten verschickt werden. Mag auch das Diskussionsniveau aufgrund mangelnder Moderation der Seite nicht sehr hoch sein, so bietet die Künstlergruppe doch aktuelle Nachrichten auf einer globalen Plattforum und Diskussionsmöglichkeiten zu global ökologischen Problemen.
Anhand der Arbeit „Translator II: Grower“, (2004 – 2005), von Sabrina Raaf, die nur in Oldenburg zu sehen war, lassen sich menschliche Ursache und ökologische Wirkung, die oftmals für den Einzelnen undurchschaubar sind, einmal unmittelbar erfahren. Ein Roboter zeichnet senkrechte grüne Striche auf die Wand. Je nachdem, wie viele Besucher im Raum sind und CO2 produzieren, ergibt sich ein anderes Muster, wachsen feine oder dicke, lange oder kurze „Gräser“ an der Wand entlang.
Die Ausstellung macht durch netzbasierte, partizipatorische und objekthaft-poetische Weise eines deutlich: Künstler fungieren heute als gesellschaftliches Gewissen und ökologische Aufklärer, so dass sich ein Wandel von einer sozial hin zu einer ökologisch engagierten Kunst erkennen lässt. Dass dies angesichts vielfältiger ökologischer Probleme wünschenswert ist, lässt sich in dem sehr gut gemachten Katalog nachlesen.