Der Künstler als Schmuggler
Annette Hoffmann
19.02.07
Christian Philipp Müller ist kein Künstler, der sein Nachwirken dem Zufall überlassen würde. 1991 schuf er die zweiteilige Arbeit „Two Important Dates in My Life“, die sich mit der Ästhetik On Kawaras auseinander setzt. In der betont sachlichen und schlichten Schrift des Konzeptkünstlers liest man „2.Nov.1957“ auf der kleineren Leinwand, die größere ist bis auf Markierungslinien völlig schwarz. Nach Müllers Tod, so hat sich der Sammler verpflichtet, wird dessen Sterbetag weiß nachgetragen. Dass sein Tod weder für Christian Philipp Müller noch für die Nachwelt ein völlig unbedeutender Tag sein wird, zeigt das unbescheiden große Format. Was sich zwischen dem 2. November 1957 und dem Tag X ereignet, fällt zwischen den beiden Leinwänden dem Vergessen anheim.
Nicht ganz. Denn dass „Two Important Dates in My Life“ prominent im Basler Museum für Gegenwartskunst platziert wurde, ist kein Zufall. Was hier als Leerstelle erscheint, wird in den übrigen Räumen mit museologisch gewordenen Performances und Aktionen Müllers ausgefüllt. Und dies obwohl der Schweizer, der seit zehn Jahren in New York lebt, bereits als Student die Institution und ihre Art der Wissensarchivierung und -vermittlung ironisiert hatte. So auch in Basel, wo er in Erinnerung an das frühere Handwerkerviertel St. Alban das Wasserrad der Papiermühle für das Museum nachgebaut hat und im benachbarten plug.in eine Installation mit Computerschrott zeigt.
Die Wirklichkeit ist allenfalls vorläufig
Was vermeintlich unverrückbar ist, präzisiert sich bei Müller als eine Überlagerung von Möglichkeiten, deren vorläufigste behauptet, die maßgebliche zu sein. So schlüpfte er als Student der Düsseldorfer Kunstakademie 1986 in Rolle und Kostüm eines Museumsführers. Sein „Kleiner Führer durch die ehemalige Kurfürstliche Gemäldegalerie Düsseldorf“ erklärte jedoch nicht die real vorhandene Jahresausstellung der Akademie, sondern die Gemäldegalerie von 1778. Allein ein Bild hat sich in Düsseldorf erhalten, während die Sammlung bereits 1806 aus Furcht vor einer Konfiszierung durch die napoleonischen Truppen nach Dänemark gebracht wurde. Müller imitierte nicht allein den kunsthistorischen Jargon, er produzierte einen altmodisch wirkenden kleinen Flyer mit den Werkbezeichnungen und Typografien des Sammlungskatalogs aus dem 18. Jahrhundert.
Ebenfalls 1986 entstand „Carl Theodors Garten in Düsseldorf-Hellerhof“, ein Rundgang durch das Neubaugebiet auf den Spuren eines geplanten Schlossparks, der letztlich im benachbarten Benrath verwirklicht wurde. Müller gibt sich durch Anzug und Fliege und das mitgebrachte Kartenmaterial den Anschein der Seriosität und führt doch Kommilitonen und andere Interessierte über wild überbewachsene Dämme, gepflasterte, leer gefegte Plätze und andere Neubaubrachen. Neben der komischen Diskrepanz der imaginären schön gezähmten Natur und der 0815-Architektur der Siedlung, sind es die Verschiebungen der ästhetischen Kriterien, die ihn interessieren. Auf dem Weg durch Düsseldorf-Hellerhof lotst er die Gruppe an mehreren verhüllten Denkmälern von Philosophen und Autoren ästhetischer Schriften vorbei: Diderot, Rousseau und Goethe waren darunter. Ein anderes Foto zeigt, was sich unter den Überzügen verbirgt: eine Skulptur spielender Kinder, die aus den 60er Jahren stammen könnte.
Kunst wird zur Camouflage
„Ich greife gerne auf eine vorgegebene Ästhetik zurück und verändere die Aussage, um mit Erwartungshaltungen zu spielen. Ich nehme gern eine bestimmte Verpackung, ein bestimmtes Arrangement, eine bestimmte Fassade und verändere ihre Bedeutung“, sagt Müller im Gespräch mit James Meyer, das im Katalog nachzulesen ist. Denn, wie etwas dargestellt wird, ist niemals neutral oder gar unschuldig. Als Gerwald Rockenschaub Andrea Fraser und Christian Philipp Müller 1993 einlud, mit ihm gemeinsam den Österreichischen Pavillon auf der Biennale zu bespielen, löste dies bei Christian Philipp Müller eine umfassende Auseinandersetzung mit dem Nachbarland aus. Wenn Kurator Peter Weibel mit seinem Auftrag an Rockenschaub nicht-österreichischer Künstler einzubeziehen, dem nationalen Thema ausweichen wollte, unterlief dies besonders Müller. So beseitigte er nicht nur den Wildwuchs im Garten des Pavillons, er ließ auch die Mauer einreißen, die 1938 die Ostmarkt Österreich vom deutschen Pavillon trennte und machte so auf die Rolle des Landes im Nationalsozialismus aufmerksam. Für das offizielle Plakat des österreichischen Beitrags zur 45. Biennale inszenierten sich Andrea Fraser, Gerwald Rockenschaub und Christian Philipp Müller als Repräsentanten in einem Landgasthof, perfekt angepasst durch krachlederne Hosen und Dirndl.
In „The Family of Austrians“ befasst er sich eben mit jenem Klischee einer ländlich geprägten konservativen Nation. Die Installation, die in der Wiener Galerie Metropol 1993 gezeigt wurde, greift mit Adolf Loos’ und Edward Steichens Schau „The Family of Man“ Ausstellungsgeschichte auf. 1955 präsentierten die beiden in New York eine Art Enzyklopädie der Weltbevölkerung in Fotos. Müller konzentrierte sich in seiner Arbeit ganz auf das Bild Österreichs, das zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in diesen Aufnahmen transportiert wurde. So rahmte er die einzelnen Katalogseiten und machte die Darstellungen anderer Nationen unkenntlich. Das Bild, das so von Österreich entsteht, wirkt hinterwäldlerisch: ganze Familien essen aus einem Topf, die Frauen waschen die Wäsche am Dorfbach, man macht Hausmusik und schwarz gekleidete Frauen trauern auf dem Friedhof. Die Abhängigkeit der objektiven Dokumentarfotografie von propagandistischen Blut und Boden-Stereotypen wird durch die konsequente Konzentration deutlich. Nicht minder politisch ist seine Aktion „Illegaler Grenzübertritt“, die er 1993 fotografisch festhält. Müller überquerte die konkreten Grenzen zu den österreichischen Nachbarländern als Tourist getarnt. Fotos, wie er etwa bei Langen über eine ungesicherte Brücke geht oder bei Liechtenstein beherzt über einen Bach springt, suggerieren die Gefahr, die Flüchtlinge eingehen, die gleichzeitig jedoch den Charakter eines Sonntagausflugs annimmt. Die Postkarten mit dem Text „I crossed the border between X and Y and I am still alive“, die er vom Zielort verschickte, spielen mit diesem vermeintlich überstandenen Risiko. Am Ende stand die Erkenntnis, dass die Unterschiede diesseits und jenseits der Grenze nicht allzu groß sind.
Müller enthüllt, indem er sich der Camouflage bedient. Analyse und Witz sind bei ihm meist nicht voneinander zu trennen. Seine Aktionen bringen Dinge ins Fließen, sein Humor löst Festschreibungen auf und beruht letztlich auf seinem Misstrauen gegenüber der Norm. „Ich verachte statische Identitäten. Ich glaube an multiple Identitäten“, hat Müller einmal gesagt. Ähnlich ambivalent ist das Verhältnis seines Werkes zum musealen Raum. Einerseits ironisiert er dessen Mechanismen, andererseits erklären sich seine Aktionen nicht von selbst und brauchen daher das Bezugssystem Kunst gleichermaßen wie eine umfassende Dokumentation, um sie ganz zu erfassen.