Boris Schibler, Basler Agenda/Galerien, zu Kristin Lucas - "Celebration for Breaking Routine" und "Supervision", 12.06.03

    Zukunftsmusik
    Kristin Lucas im [Plug.in]

    «Celebration for Breaking Routine» und «Supervision» sind zwei Videos der amerikanischen Künstlerin Kristin Lucas. Sie kreisen um das Thema Zukunft, zu dem verschiedene Frauen-Bands aus Liverpool und Basel bzw. junge Familien Stellung nehmen und ihre ganz persönlichen Visionen entwickeln. Damit will die Künstlerin bewusst einen Kontrast schaffen zu Fachleuten und Experten, von denen man normalerweise Statements zu Entwicklungen und Veränderungen hört.



    Auch einen Gegensatz zu den meist zwanghaft optimistischen Visionen, die grossartige Technik glanzvoll präsentieren, von den Pannen aber schweigen, wenngleich diese manchmal nicht weniger grossartig sind, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Die immer stärkere und flächendeckendere Technisierung unserer Welt ist die bestimmende Kraft in Lucas' Szenarien, wo sie gleichzeitig kritisch beleuchtet wird. Mit gewollt erkennbaren Low-Tech-Methoden, Handkamera, Flimmern und Bildrauschen legt sie die schwächen der Technik bloss. Dass sie früher «Trash-Videos» gemacht habe, wie sie erzählt, sieht man den Filmen immer noch an.

    In Texten und Musik der Bands finden sich ähnliche Elemente, obwohl Lucas darauf keinen Einfluss genommen hatte. Mit harten Riffs, dunkler Harmonik und teils durchdringenden Stimmen werden überwiegend düstere Zukunftsängste, Misstrauen gegen die Wissenschaft und ungestillte Bedürfnisse formuliert. Breit ist auch das Spektrum der Stilrichtungen von Bands wie Venus, Exit 3 und Flamingo 50 sowie den Baslerinnen Dew und zero2nine. Mit «gesammelten Bildern» wie Lucas das nennt, hat sie den Songs visuelle Pendants gegeben.

    Naturgemäss besteht ihre Zukunftsschau im Zeigen der Realitäten von Industriebrachen, Containerlagern oder Coffeeshops. Deutlich wird in immer wiederkehrenden Details, dass sich Zukunft für Lucas als Veränderung zeigt. Abfall wird von Moos überwuchert, die Sängerin trägt einen den ganzen Finger bedeckenden Ring, der einen, wie die exakt abgezirkelten Bewegungen der Majoretten, an Roboter denken lasst. Die elektronische Verfremdung ihrer Stimme hat dieselbe Wirkung. Die dazugehörige Rauminstallation besteht aus einer Sing-along-Buhne, damit quasi alle Nichtexperten ihre Zukunftsvorstellungen formulieren können.

    Veränderungen auch in «Supervisions»: Eine Familie verwandelt die Tochter operierend in einen Geparden als Bild für eine, Technik, die uns die Natur wiederbeschaffen muss. Die uns aber auch bei der Suche nach unserer (an sie?) verlorenen Identität zweifelhafte Unterstutzung bietet. «Biosphere II», der misslungene Versuch eines hermetisch abgeschlossenen Naturkreislaufs, ist hierfür ein bestechendes Bild. Es dient als Kulisse einer Sequenz, wo deutlich wird, wie Technik, die einst den Menschen vor Ausgeliefertsein an die Natur schützte, nun durch ihre Fehler bewirkt, dass die Natur wieder zum menschenfeindlichen ungemein gefährlichen Lebensraum wird.


    Boris Schibler