Michèle Binswanger, Basler Agenda/Galerien Nr. 13, zu La vita è bella, 14.02.02

    Grosse Brüder
    «La vita è bella»: Ein wachsames Ausstellungsprojekt von «plug.in» und der HGK Basel

    Stell dir vor, es läuft «Big Brother» und keiner schaut hin. Nicht schlimm? Ja, wenns nur das Endemol-Produkt allein oder George Orwell wäre. Big Brother gibts aber schon so lange, wie es Wissens- und Machtgefälle gibt. Nur stellt sich seit jüngst die Frage, wer denn überhaupt hinschaut bei der flächendeckenden Überwachung.

    Dass uns überall die Kameraaugen folgen, dass wir mit Kreditkarten, Cumuluskarten, Funktelefonen nicht enden wollende Datenspuren hinterlassen, dass Satelliten uns in jedem Winkel dieser Erde zu erspähen imstande sind - man weiss es und foutiert sich darum. Nicht so eine Delegation von Studenten der Abteilung Bildende Kunst HGK, die im letzten Sommer zusammen mit dem Forum für neue Medien «plug in» beschlossen, dem Thema eine Recherche und Ausstellung zu widmen.


    Unter dem Titel «La vita è bella» wollte man sich mit der Realpolitik sowie entsprechenden Fragen zur Kunst auseinander setzen. Das Vorhaben fand durch die Ereignisse des 11. September seine Zuspitzung und auch Gefährdung: Nicht nur der Schock war gross, sondern damit der Drang, alles dort münden zu lassen. Spannend an «La vita è bella» ist nun aber, dass das nicht geschah. In Workshops und Gesprächen setzte man sich mit der Situation auseinander und beschloss, den 11. September zu integrieren, aber ihn nicht alles bestimmen zu lassen.

    Zwei Videoarbeiten, die in der Blackbox im Keller gezeigt werden, beziehen sich direkt auf den Terror in New York: Andrzej Wolski zeigt das Szenario einer Lücke bei einer Fahrt über die Brooklyn-Bridge: die Skyline von Manhattan mit den fehlenden Türmen. Katharina Rüegg setzt Worte und deren Bedeutung in Beziehung: Signifikant (Terror, Sicherheit etc.) zu lexikalischem Signifikat.

    Die interessanteste Videoarbeit steckt den Rahmen weiter: Susanne Stachers «Watching You» behandelt die Frage nach der Manipulation von Bildern. Auf zwei Fernsehern wird dieselbe Szene gezeigt: ein alltägliches Ereignis, ein Mann steht in einem Museum, um ihn ein paar Leute. Ein Gerät zeigt nun die Szene im Rohzustand, auf dem anderen ist sie manipuliert: geschnitten, in Zeitlupe, dramatisiert. Die Parallelführung macht evident, wie sehr Bilder durch einfache Tricks fiktionalisiert werden können und damit Stimmungen transportieren.

    Ein Gemälde von Ursula Steinacher und eine gestickte Arbeit von Franziska Matter erinnern daran, dass man sich nicht nur mit «schnellen» Medien auf aktuelle Fragen einlassen kann. Insbesondere Matters gestickte Sätze verweisen auf ein anachronistisches Element, indem durch eine extrem zeitintensive Technik, das Sticken, auf Medien verwiesen wird, die mit Lichtgeschwindigkeit operieren.

    Die PSI-Gruppe schliesslich erinnert mit ihrer installativen Performance an die Geschichte der Überwachung, wie sie der bürgerliche Staat seit 1900 immer weiter zur Vervollkommnung treibt. Der Besucher hat in einem kleinen Parcours einen Fragebogen auszufüllen, seine Fingerabdrücke werden genommen, Retina und Gewicht werden gemessen, man wird fotografiert und gezeichnet.

    Derart vermessen stellt man sich wieder der Anfangsfrage: Wenn Big Brother immer und überall zuschaut, wer wertet die Daten aus? Wer steht hinter dem heideggerschen «Man», das diese ganze Bespitzelung begehrt? Und warum liess sich ein 11. September trotz aller Überwachung und Strafe nicht verhindern? Wir wissen es nicht. Doch wissen wir dafür, dass wir bei diesem Big Brother hinschauen.

    © Michele Binswanger, Basler Zeitung Agenda 2002