Marlene McCartys Installation «Bad Blood» im Plug in
Bewegende Befreiung
«Can I trust you?» - Kann sie? Werden wir Marlene Olive auch aufmerksam zuhören, wenn sie uns in «Bad Blood - Stage One» ihre verheerende Geschichte erzählt, werden wir ihre Konflikte mit der elterlichen Ge- und Verbotswelt verstehen, können wir sie ernst nehmen, wenn sie gegenüber ihrem Freund Chuck die Posen einer Sex-Göttin erprobt, und sind wir letztlich bereit, sie als junge Frau auf der Suche nach einer Erwachsenenidentität zu akzeptieren und zu unterstützen? Aber dürfen wir ihr überhaupt trauen, wie sie in Schuluniform und rosa Bändern im Haar so unschuldig dasitzt und die nackten Beine verspielt baumeln lässt, während sie mit Kleinmädchenstimme zu ihrem Daddy spricht?
Täterinnen und Opfer
Am 21. Juni 1975 hat die kalifornische Jugendliche Marlene Olive ihre Eltern ermordet. Ein erschreckendes Beispiel pubertärer Konflikteskalation. Anfang der neunziger Jahre wurde der Fall für die New Yorker Künstlerin Marlene McCarty zum Ausgangspunkt ihrer fortdauernden Beschäftigung mit der adoleszenten weiblichen Rollenfindung und Identitätsbildung. McCarty recherchierte weitere Geschichten von in Tötungsdelikte verwickelten jungen Frauen und stellte die Täterinnen oder Opfer zeichnerisch dar. So auch Marlene Olive, für deren schillernde Persönlichkeit und Stil sich die Künstlerin besonders interessiert.
Verführen und manipulieren
«Bad Blood - Stage One» ist eine interaktive Installation. Auf einer wandfüllenden Leinwand begegnen wir der von Jessica Campbell dargestellten Marlene Olive. Aber erst wenn wir ihr gegenüber agieren, uns drohend nähern oder gleichgültig abwenden, erfahren wir sequenzweise ihre Geschichte und lernen sie in ihrem Rollenrepertoire kennen. Die von Bewegungsmeldern gesteuerte Erzählung zwingt uns, an der Tragödie teilzunehmen und erlaubt es der Protagonistin, uns zu verführen, zu manipulieren und in den Hexenbann ihrer Augen zu schlagen.
Mit dieser über drei Jahre von einem Expertenteam entwickelten, von der «Plug in»-Direktorin Annette Schindler und Jon Marcus produzierten Installation führt Marlene McCarty ihre Kunst in eine neue technische Dimension. Dabei handelt es sich nur um den ersten Meilenstein eines auf drei Schritte geplanten Projektes, in dessen Endverwirklichung man einer 3D-animierten Marlene Olive begegnen wird. Daraus erklärt sich auch das Fehlen der für die zeichnerischen Arbeiten charakteristischen halbtransparenten Kleidung, die hier aus organisatorischen Gründen noch nicht realisiert wurde, und die damit verbundene etwas verhaltenere Ausführung des sexuellen Aspekts in McCartys Befragung der Komplexität und Fragilität der Adoleszenz. ©Adrian Aebi