Adrian Aebi, Basler Zeitung, zur Weltaustellujng in Japan, 02.02.05

    Vom Berg schallt es «Arigato»
    AN DER WELTAUSSTELLUNG IN JAPAN PRÄSENTIERT SICH DIE SCHWEIZ JUNG UND MULTIMEDIAL
    Kein Heidi in Sicht. Der Berg birgt in seinem Bauch Elemente, die sich zum Bild einer innovativen, offenen und jungen Schweiz fügen.
    Im März beginnt in der Präfektur Aichi in Japan die Weltausstellung. Der Schweizer Beitrag ist das Multimedia-Projekt «Der Berg», geschaffen von der Gruppe panorama 2000.ch aus Basel und Zürich.

    Eine von Präsenz Schweiz in Auftrag gegebene Image-Studie macht es deutlich: Japaner kennen unser Land mit seinen «Mountains» und «Alps» in erster Linie als «an enjoyable place to visit», aber nicht so sehr als «forward-looking» oder als Geburtsstätte von innovativen Ideen und weltklassigen Produkten. Sie sehen vor lauter alpiner Heidipracht das Land nicht mehr.
    Da bietet die Weltausstellung Expo 05 in der japanischen Präfektur Aichi, die im März für ein halbes Jahr ihre Tore öffnet, eine willkommene Gelegenheit, die Schweiz im Land des Lächelns als fitte Wirtschafts- und Kulturnation zu präsentieren. Einen Eindruck davon, wie diese Image-Korrektur bewerkstelligt respektive der asiatische Blick hinter, oder treffender, unter die Berge gelenkt werden soll, konnte man am letzten Donnerstag im Basler Plug-In bei der Vorstellung des Schweizer Pavillons «Der Berg» gewinnen. Was dort vorgelegt wurde, ist so beeindruckend wie viel versprechend. Heute abend findet eine zweite Einführung statt.


    Inhalt statt Form. Verantwortlich für Konzeption und Ausgestaltung des Projektes «Der Berg» zeichnen die Architekten und Kunstschaffenden des baslerisch-zürcherischen Autorenkollektivs «panorama 2000. ch», die bereits mit ihrem Beitrag für den Murtener Monolithen an der expo.02 auffielen. Als Leitvorgabe für den Auftritt in Japan stand ausser dem Öko-Expo-Motto «Nature’s Wisdom» der Auftrag, eine Schau der Inhalte, nicht der Formen zusammenzustellen.

    Im Pavillon der Schweiz steht «der Berg», eine fast neun Meter hohe Holzkonstruktion, deren Oberfläche mit einer von Monica Studer/Christoph van den Berg in aufwändiger Computersimulation grossartig gestalteten alpinen Landschaft überzogen ist. Damit werden die japanischen Heidiland-Erwartungen zunächst scheinbar bedient. Die Virtualität der idyllischen Bergwelt weist aber bereits auf die Konstruiertheit dieses gefestigten Schweiz-Klischees hin. Und so birgt der Berg in seinem Bauch denn auch die Elemente zum Bild einer anderen, einer innovativen, offenen, jungen, vermutlich aber etwas braven Schweiz.
    Letzteres mag aus den interkulturellen Studien der Ausstellungsmacher resultieren, die ergaben, «dass der Japaner Wissen anhäufen will», es aber kaum goutieren würde, wenn sich ein fremdes Land in Japan in kritischer Selbsthinterfragung übte. Eine Darstellung der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg etwa käme hier einem Tabubruch gleich.


    Wissen statt KRITIK. In Gruppen sollen die Besucher durch einen Parcours aus fünf Plastikzelten, so genannten «Bubbles», geführt werden. Über eine Treppe wird man das Berginnere verlassen, um von einer Pano-ramaterrasse aus den Blick über die computergenerierte Landschaft schweifen zu lassen. Eine Art Schlucht leitet die Besucher in den Pavillonshop. Die «Bubbles» entsprechen den Themensektoren «Swiss Myths», «Risks and Caution», «Visions», «Top of Science» und «Monte Rosa». Die Exponate, im Sinne des Recycling-Gedankens allesamt Schweizer Museen und Sammlungen entlehnt, sind um die transparenten «Bubbles» herum angeordnet. Da es finster ist im Berg, werden die Besucher mit aufgerüsteten Schweizer Armee-Taschenlampen ausgerüstet. Trifft ihr Lichtstrahl auf ein Ausstellungsstück, wird dieses in ein Spotlight getaucht. Die Taschenlampen dienen zudem als Audioguides. Ausgangspunkt der Ausstellung in der Sektion «Swiss Myths» ist eine Replika des eben in Zürich restaurierten Landi-Bildes von Hans Erni aus dem Jahre 1939. Die Gruppe panorama2000.ch möchte ihren Pavillon als Fortsetzung dieser monumentalen, modernen Schweizdarstellung verstanden wissen.

    Dass der Landigeist von damals in assoziativer Nähe zur Reduitstrategie steht, scheint sie nicht zu stören. Sie sehen ihren Berg vielmehr als Symbol für die Kulturpflege, gewissermassen als Kulturarchiv. Und darin finden neben Bernhardiner Barry, dem legendären Rettungshund vom Grossen St. Bernhard, in der Sektion «Visions» auch zukunftsweisende Abenteuer Platz: Bertrand Piccards Weltumkreisung im Ballon, die Weltraummissionen von Claude Nicollier oder die Regatten der «Alinghi».
    Diese in der internationalen Aufmerksamkeit stehenden Unternehmungen versprühen Teamspirit und zeigen, wie technischer Fortschritt durch die Analyse und den respektvollen Umgang mit den Gesetzen der Natur erreicht werden kann. Den Gefahren der Naturgewalten ist das Thema «Risks and Caution», herausragenden Projekten aus dem Bereich der Naturwissenschaften das Thema «Top of Science» gewidmet.

    Hütte statt Heidi. Als Ab- und Zusammenschluss wird das «Monte Rosa»-Projekt vorgestellt. Aus Anlass des 150-Jahre-Jubiläums der ETH Zürich plant dessen Departement für Architektur unter Mithilfe von Studierenden den Wiederaufbau der zwischen Mont Blanc, Monte Rosa und Matterhorn gelegenen SAC-Hütte «Monte Rosa». In der Dokumentation der erarbeiteten Projekte verbinden sich mythische, wissenschaftliche und touristische Aspekte.

    Auf ihrer gemäss Planung rund zwanzigminütigen Wanderung durch und über «den Berg» werden sich den japanischen Besuchern also ungewohnte, auch unbekannte Seiten der Schweiz eröffnen. Die Verbindung von Technologie und Umwelt sowie die künstlerisch anspruchsvolle Präsentation einer innovativen und dynamischen Schweiz, die ihre Tradition - auch im Sinne der Tourismusförderung - nicht verleugnet, diese «Quadratur des Kreises», wie sich die Macher ausdrücken, scheint hier wirklich vorzüglich geglückt. Ob es für ein neues Schweiz-Image in Japan reicht? Warten wirs ab.
    > Plug-In, Basel. Noch bis Sonntag ist eine «Testversion» des Aichi-Pavillons zu sehen. Heute Abend, 20 Uhr, wird das Medienkonzept vorgestellt (Valentin Spiess). Die Ausstellung dauert vom 4. bis 6.Februar, jeweils 14-18 Uhr.