Regioartline, Boris Kish und Manuel Schmalstieg von „n3krozoft mord“ im Gespräch, 08.10.04

    Am 12. Januar 2003 starb in Phoenix der 21jährige Brandon Vedas alias „ripper“ an einem Medikamenten- und Drogen-Cocktail, während er im Internet chattete und über seine webcam online zu sehen war. Das aufgezeichnete Protokoll des Chats – die anfeuernden und zunehmend besorgten Kommentare, die schliesslich doch keinen der Jugendlichen zum Eingreifen bewogen – war kurz darauf auf mehreren Webseiten zu lesen.

    Hiervon ausgehend entwickelte die Genfer Multimedia-Gruppe „n3krozoft mord“ die Performance „LOL“, gezeigt als Schweizer Uraufführung am vergangenen Donnerstag im Basler [plug.in]. Bis zum 17. Oktober ist dort eine installative Version von „LOL“ sowie die Audioarbeit „Ubik“ zu sehen. Diese basiert auf dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman von Philip K. Dick, der beschreibt, wie mit Hilfe von Technologie das Bewusstsein von Toten erhalten wird. Die Behandelten kommunizieren aus diesem halblebendigen Zustand über Stimmen.

    Regioartline hat Boris Kish und Manuel Schmalstieg von „n3krozoft mord“ vor der Performance getroffen. Das Gespräch wurde in französischer und deutscher Sprache geführt.

    regioartline: Wie ist die Idee zur Performance „LOL“ entstanden und in welchem Zusammenhang steht sie mit der Installation „Ubik“?
    Schmalstieg: Als ich vor einem Jahr auf dieses Chat-Protokoll gestossen bin, entstand die Idee, den Text in einer Performance wieder auferstehen zu lassen. Er ist das letzte Lebenszeichen eines Dramas und ausser dem Text hat man absolut nichts, nur noch die eingefrorenen Worte. Die Idee war, das noch einmal ablaufen zu lassen, wie der Film, der vor dem Tod vor dem inneren Auge abläuft.
    In der Performance „LOL“ ist das Resultat automatisch eine Art Fiktion, denn es ist ein Schauspieler, der spielt. Die Realität geht also über in eine Fiktion. In der Weiterentwicklung zu „Ubik“ wird es das Gegenteil sein. Wir versuchen, den Science-Fiction-Roman in die Realität übergehen zu lassen, was auch gewissermassen das Thema dieses Romans ist, wie Realitäten von irgendetwas Fremdem infiltriert werden und zusammenbrechen.
    Kish: In der Performance verwenden wir auch Elemente von Fiktion, beispielsweise aus dem Film „The Matrix“. (Zum Beispiel ist der mit Geräten, Büchern und Essensresten überladene Schreibtisch, an dem der Schauspieler „ripper“ mimt, demjenigen von „Neo“ in der Eingangssequenz des Films nachempfunden, die Red.) Um eine Erinnerung lebendig werden zu lassen, muss man sie auf eine gewisse Weise fiktionalisieren. Um sie sich zu eigen zu machen, um darauf antworten zu können, damit sie in unserer eigenen Erinnerung lebt. Auf eine Weise ist unsere Erinnerung selbst geschrieben aus Texten, fiktiven und nicht-fiktiven.
    Schmalstieg: Die Bildwelt, die wir dazugeben, stammt aus der Fiktion. Wir verwenden sie, um das Undarstellbare darzustellen. Das, was wir im Moment der Performance machen, stammt dagegen aus dem Bereich des Realen. Es wäre problematisch, wenn wir da in einer Fiktion wären und die Aufführung etwas Maschinelles würde. Deshalb wollen wir die Performance auch nicht mehr oft aufführen. Idealerweise sollte sie nur einmal aufgeführt werden.
    regioartline: Worum geht es in der künstlerischen Umsetzung dieses Textes, den man ja auch im Netz lesen kann? Weshalb trägt ihr ihn in den realen Raum, bringt ihn auf die Bühne?
    Schmalstieg: Erstens, weil es ein sehr bewegender Text ist. Ich bin als Künstler nicht nur produktiv; jeder Künstler arbeitet auch anhand von dem, was er findet. Mich interessieren digitale Fundstücke wie dieser Text oder Videos aus Konfliktregionen. Zum Beispiel die Clips, die von tschetschenischen Mudschahedins ins Internet gestellt werden, damit Leute im Balkan sich diese runterladen. Solche Seiten verschwinden dann plötzlich aus politischen Gründen, etwa weil irgendein Parlament in Lettland den Server beschlagnahmen lässt. Und es sind dann Überbleibsel, die eine Geschichte haben und die man nicht lokalisieren kann, die etwas Faszinierendes haben. Hier in der Arbeit „LOL“ habe ich mich entschlossen, die Story auch umzusetzen, weil sie einen sehr starken Bezug hat zu unserem alltäglichen Leben – was im Falle der tschetschenischen Propagandavideos schwieriger wäre, weil ich mich nicht richtig hineinversetzen kann und nicht befugt bin, das zu kommentieren.
    Kish: Im Lesen des Textes, der in der Performance wieder projiziert wird, versteht man, dass es ein sehr berührender Text ist, ethisch und ästhetisch. Ästhetisch ist es die Syntax und die Grammatik des Chat, die hier exemplarisch ist. Dieser Text ist von hohem ästhetischen Interesse. Wir sind uns diese Sprache nicht gewohnt, für kommende Generationen wird dies vielleicht anders sein. Wir wollten zudem die Geschichte aus dem Netz herausziehen, wo alles sehr schnell vergeht bzw. vergessen geht.
    Schmalstieg: Musik und die Bilder sind ein Weg, den Text besser sichtbar zu machen. Sie sollen nur eine unterschwellige Rolle spielen, helfen ein Mass an Aufmerksamkeit zu halten.
    Kish: Das Publikum konzentriert sich unserer Erfahrung nach stark auf den Text. Ton und Bild sind eine Fiktion, die wir dem realen Text hinzufügen. Im Text erfährt man wenig über das, was in der Realität vorgeht. Bild und Ton sollen hier aber nicht einfach Lücken füllen, sondern einen mentalen Raum vorschlagen, der einen den Text stärker empfinden lässt.
    Ich lese den Text fast wie ein tragisches Theaterstück. Der einzige Weg zur Tragödie dieses jungen Mannes führt über das Netz. Es ist bestimmt nicht die letzte Tragödie dieser Art, aber unseres Wissens ist es die erste. Es gibt klar erkennbare Persönlichkeiten, und es werden die Gewissenskonflikte spürbar, die sich bei den verschiedenen Protagonisten des Chat ergeben. Das alles erschöpft sich nicht in der kuriosen vermischten Meldung, das wirft Fragen auf.
    Schmalstieg: Im Falle dieses Chat-Protokolls ist einzigartig, dass die Spur des Ereignisses selbst das Ereignis beschreibt. Und es ist ein Text, der ohne das technische Dispositiv, mit dem wir kommunizieren, nicht existieren würde. Er bezeugt den Tod eines jungen Mannes, aber gleichzeitig ist er eine Aussage über das Dispositiv selbst.
    Im Zentrum unserer Arbeit steht das Unbewusste der Telekommunikationstechnik. Für mich ist dieser Text die Telekommunikation im Rohzustand. Die Idee der Telekommunikation ist seit jeher verbunden mit dem Tod. Schon mit Edisons Phonografen sollten Stimmen von Menschen aufgenommen werden, damit sie auch nach deren Tod noch gehört werden konnten. So zeigen die Telekommunikationsmedien, in die man so viel Zeit und Energie investiert, ihre Morbidität.