Dietrich Roeschmann, Regioartline, zu Ying Gao, 20.02.2009

    Techno Couture


    Der Mantel funktionert nicht. Er will einfach nicht. In einer Ecke im abgedunkelten Keller des Basler Medienkunstraums plug.in hängt das gute 
    Stück über den Schultern einer Schneiderpuppe. Die Rückenpartie ist an der Mittelnaht aufgeklappt, Kabel hängen heraus, darunter ein unüberschaubares Gewirr an Drähten, Kontakten, Platinen und Akkus. Es erinnert ein bisschen an den Arbeitsalltag in einer Elektrowerkstatt wie sich Kuratorin Céline Studer da mit Taschenlampe und Schaltplan in der Hand über das Innenleben dieses Kleidungsstücks beugt. Der Titel „Living Pod“ – lebende Hülle – kündigt an, was es eigentlich können soll: sich bewegen, sich verwandeln. Aber eines der fadendünen Drähtchen, die mittels integriertem Mikromotor, über Lichtsensoren gesteuert, die kompliziert gerollte Organza unter der ledernen Hülle auffalten helfen sollten, ist gerissen. Und schon liegt das ganze System lahm. 

    Kleidung als Medium
    Es sind hoch empfindliche Organismen, die die chinesisch-kanadische Künstlerin Ying Gao (*1973) derzeit im plug.in ausstellt. Sie reagieren auf Licht oder Bewegung, auf Geräusche oder Luftzug und entwickeln dabei ein Eigenleben, dessen plötzliche Regungen einen oft schuldbewusst zurückschrecken lassen, als sei man jemandem aus Versehen zu nahe getreten. Doch solch intime Irritationen sind nur ein Nebeneffekt dieser betörenden Techno Couture. Was die 35-Jährige viel mehr interessiert ist die Frage nach der Medialität von Kleidung: Welchen Konventionen folgt Mode in ihrer Vermittlungsfunktion zwischen TrägerIn und Umwelt? Was spiegelt sie? Und auf welche Weise reproduziert sie sich selbst? „Live Pod“ liefert dafür ein schönes Beispiel, denn der Mantel, der nach kurzer Reparatur schon wieder funktioniert, ist nur der eine Teil der Installation. Ihm gegenüber steht ein zweiter Mantel, als eine Art parodistisches alter ego: beginnt das eine Kleidungsstück sich aufgrund von Lichteinstrahlung langsam zu pfauenhaften Posen und Formen aufzuspreizen, folgt ihm das andere zeitversetzt in der gleichen Choreografie von Stoff und Falten, und steigert diese schließlich zur Groteske, bevor es sich wieder in seine Hülle zurückzieht. Schöner lässt sich das von Hype und Missverständnissen, Umdeutungen und Marktzwängen geprägte Verhältnis zwischen Haute Couture und H&M-Style kaum in Szene setzen. Die Erkenntnis, dass Konfrontation und Mimikry seit jeher die zentralen Konzepte der Mode sind, liegt auch Ying Gaos Installation „Walking City“ zugrunde. Blendend weiß und aus scheinbar bretthart gestärkter Baumwolle genäht, stehen die beiden Kleider wie Hochzeitsroben im Lichtkegel eines Scheinwerfers. Kommt man ihnen zu nahe, beginnt sich mit leichtem Knall der Stoff des Oberteils zu einem in komplizierten Rauten gebügelten Brustfächer aufzufalten, während aus dem Saum des anderen Kleides ein üppiger Origami-Dschungel an chinesischen Papierblumen zu wuchern scheint.

    Lebende Textilien
    Die wahre Poesie dieser interaktiven Kleidungsstücke liegt jedoch nicht allein in ihrer grazilen Beweglichkeit, sondern auch in der unglaublichen Experimentierfreude, mit der Ying Gao das Verhältnis von Körper und Kleid hier probeweise neu definiert. Die Ergebnisse aus ihrem Modelabor sind durchaus brisant: Wenn ein Mantel seinen Look beständig nach den Codes konkurrierender Modelle ändert und ein Kleid je nach den Bewegungen und Atemgeräuschen seiner Trägerin in Balztanz-ähnliche Rituale verfällt, dann erhält Mode plötzlich eine völig neue Kommentarfunktion, die von ihren TrägerInnen nur noch schwer unter Kontrolle zu bringen ist. Von unbewussten Bedürfnissen animiert, beginnen Ying Gaos Kleider so auf einmal eigenmächtig über den Körper und die Normierung seiner gesellschaftlichen Beziehungen zu reflektieren. Das leise Schnaufen, Seufzen und Stöhnen, das ihre pneumatischen oder motorisierten Innereien von sich geben, liefert dazu den passenden Soundtrack. Diese Couture lebt. Auch ohne ihre TrägerInnen. Ying Gaos Interesse an Mode kommt nicht von ungefähr. Ende der 90er Jahre hatte sie in Genf und Montréal Modedesign studiert, dann aber schnell gemerkt, dass sie sich in der Fashion-Szene eigentlich nicht wohl fühlt. Sie interessierte sich nicht für das Geschäft mit den saisonalen Häutungen, sondern – im Gegenteil – eher für die Verflüssigung der stereotypen Ikonografien, die dort in immer neuen Variationen aufgelegt wurden. Inspiriert von den experimentellen „Exercises de style“, mit denen der Surrealist Raymond Queneau Ende der 40er Jahre eine simple Anekdote in sämtlichen Stilen und Slangs der französischen Sprache durchdeklinierte und so hinter der Wirklichkeit der Worte einen schier unendlichen Möglichkeitsraum aufstieß, verfolgt Ying Gao eine Strategie des multiperspektivischen Erzählens. Neben den interaktiven Kollektionen „Live Pod“ und „Walking City“, die beide 2006 als Hommage an das britische Architektenkolletiv Archigram und deren utopischen Konzepte des öffentlichen Raums entstanden, zeigt sie in Basel auch eine Reihe von Werkgruppen, die sich mit der Poesie unterschiedlichster High-Tech- Materialien oder der narrativen Qualität von Schnitten auseinandersetzen. Unentschiedenheit zu Schnittmustern Besonders eindrucksvoll demonstriert dies ihre Arbeit „Indice de l’indifference“. Aus den Ergebnissen politischer Meinungsumfragen im Internet, bei denen auffallend viele Menschen mit „Weiß nicht“ oder „Ist mir egal“ antworteten, errechnete Ying Gao am Computer Schnittmuster für zwei unterschiedliche Kollektionen von je fünf Hemden. Während die erste additiv angelegt ist und so das statistische Wuchern der Unentschiedenheit in einen Wildwuchs der Ärmel, Kragen und Falten münden lässt, repräsentiert die zweite durch Weglassen das erschütternde Ausmaß politischen Desinteresses: statt Hemden hängen über den Bügeln hauchdünne Fetzen und Nähte, die kaum mehr als die bloße Luft zusammenhalten. Auch die eigens für ihre Basler Ausstellung angefertigte Serie „Swiss Quality 1“ untersucht Kleidung als Informationsträger. Die verschiedenen Stoffe, die Ying Gao dafür verarbeitet, werden nicht in der Modeindustrie, sondern im Straßenbau, der Medizin oder im Katastrophenschutz verwendet – High- Tech-Textilien, hergestellt von Schweizer Spezialunternehmen. Ying Gao hat aus ihnen fünf Kapuzenpullover-artige Oberteile genäht, die jedes für sich in ihrer eigenen, ungewöhnlich fremdartigen Poesie im Raum schweben. Die langen Etiketten, die ihnen aus den Kragen hängen, lassen sich wie Balkendiagrame lesen: Sie geben Auskunft über das Verhältnis der Fahr- und Wartezeiten, die Ying Gao bei der langen Recherche zu dieser Arbeit auf Schweizer Bahnhöfen verbrachte. 


    Files:
    Regioartline__YingGao_20090220.pdf