Feli Schindler, Tages-Anzeiger, zu Ökomedien, 25.1.08

    25. Januar 2008 – Von Feli Schindler
    Der Download und die toten Dinosaurier

    Auch Netzwerkkünstler wissen, dass es schlecht steht um den Planeten. Im PlugIn, dem Basler Medienforum, zeigen sie dies mit hintergründigem Humor.

    «Producing 1 kilogram of PET PL requires 17,5 kilograms of water and results in air emissions of 40 grams of hydrocarbons, 25 grams of sulfur oxides, 18 grams of carbon monoxide, 20 grams of nitrogen oxides, and 2,3 kilograms of carbon dioxide. In terms of water use alone, much more is consumed in making the bottles than will ever go into them.»
    Haben Sie das Kleingedruckte gelesen? Wir gratulieren. Umweltschutz braucht einen langen Atem. Den explizit langen Titel verleiht der dänische Künstler Tue Greenfort seinem kleinen Readymade natürlich ganz bewusst: Auf dem Fussboden von PlugIn, dem Raum für Kunst und neue Medien in Basel, steht eine verschrumpelte, mit Wasser gefüllte Pet-Flasche. Schief, einsam und fast traurig-poetisch fristet sie ihr Dasein. Pet und Poesie? Das wirkt so absurd wie die Erkenntnis, dass es zur Herstellung einer Plastikflasche mehr Wasser braucht, als letztlich beim Verkauf darin enthalten ist. Eine wunderbar ironische Arbeit, die verdeutlicht, wie sinnlos der Mensch lebenswichtige Ressourcen verschwendet.

    Recyclingprojekte

    Und hat man je bedacht, dass das Herunterladen von 2 Minuten Musik aus dem Internet der Energie von 500 Gramm Kohle, dieser «komprimierten Existenz früheren Lebens», entspricht? Kurz, dass das elektronische Zeitalter vom Tod des Dinosauriers profitiert? Solches erfährt man auf einem Schriftbanner des deutschen Künstlerkollektivs «infossil», das die Rückverwandlung der Harddisc in fossile Ressourcen fordert. Der spielerische Einfall vom ewigen Energiekreislauf knüpft an die Visionen und Utopien an, wie sie die Netzwerkkünstler seit den 90er-Jahren postulieren und die nun am virulenten Thema der Ökologie im Basler Kunstraum lebensnah veranschaulicht werden.
    An der von Yvonne Volkart und Sabine Himmelsbach konzipierten Ausstellung «Ökomedien. Ökologische Strategien der Kunst heute» beteiligen sich 17 international erprobte Medienkünstler. Sie thematisieren den Klimawandel, die Vermüllung der Städte (unter anderem am Beispiel des in der Schweiz initiierten und in Brasilien interdisziplinär begleiteten Recyclingprojekts «Lixomania»), fordern alternative Energien und untersuchen die Produktion und Distribution von Nahrungsmitteln. «Umwelt und Klimawandel sind nicht erst seit Al Gore ein öffentliches Thema – aber wir möchten zeigen, wie die Kunst im Allgemeinen und die neuen Medien im Speziellen auf die Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts reagieren», erklärt Yvonne Volkart. Es soll nicht in erster Linie mit dem moralischen Zeigfinger geschehen, sondern man wolle mit einer Bestandesaufnahme vom Zustand der Erde erzählen. «In einer von medialen und elektronischen Netzwerken bestimmten Gesellschaft eröffnen Künstler zunehmend Einblick in wissenschaftlich-technologische Weltentwürfe. Sie schaffen Handlungsräume, die visionären Ansätzen folgen und eine neue Sicht auf bekannte Fakten und Problemstellungen wagen», schreibt Co-Kuratorin Sabine Himmelsbach in der klugen Begleitpublikation zur Ausstellung.
    Die multimediale Rauminstallation des Berliner Webkünstlers Franz John, «Turing Tables», lässt einen spürbar und unüberhörbar erfahren, wie sensibel die Erde als Organismus funktioniert. Seismografische Daten wandern via Beamer auf vier Wänden von unten nach oben: Ortsangaben (von den Aleuten bis zur Türkei), Zeit und Datum, Breiten- und Längengrade sowie Erdbebenstärken werden in Echtzeit, meist im Sekundentakt, projiziert und «sonifiziert».

    Ein Volltreffer des PlugIn

    Das heisst, ein Computerprogramm konvertiert die aus aller Welt vom Künstler gesammelten seismografischen Aufzeichnungen in Erschütterungen und Klänge. Die Besucher erfahren am eigenen Leib, wie es im Innern der Erde pausenlos rüttelt und schüttelt und wie es angesichts der Klimakatastrophe auch im übertragenen Sinne brodelt. «Can a machine be supercritical?» Die Frage taucht am Tag unseres Besuches unvermittelt im Datenstrom auf und scheint die Installation mit ihren eigenen Mitteln subversiv zu unterwandern. Absicht oder Zufall?
    Vielleicht weiss Doctor Natalie Jeremijenko, ihres Zeichens Neurowissenschaftlerin, Webkünstlerin und Performerin, Bescheid. Auf ihrem aus Pet-Flaschen gebauten Floss «Environmental Health Clinic» dümpelt sie auf dem verdreckten East River von New York herum und beantwortet in herrlich bizarren Filmszenen Fragen zu Kopfweh, Übelkeit, Depression und Wasserverschmutzung. Hingehen nach Basel und mitdenken empfohlen. PlugIn hat einen Volltreffer gelandet.

    Ökomedien Teil 1: Umwelt, Ressourcen, Abfall. Bis 17. Februar.
    Ökomedien Teil 2: Globale Abhängigkeit, Produktion/Distribution von Nahrung, alternative Energien. 22. Februar bis 23. März.
    Sabine Himmelsbach/ Yvonne Volkart (Hg.): Ökomedien. Hatje Cantz, 40 Fr.