Hannes Nüsseler, Basler Zeitung, zu Exonemo - UN-DEAD-LINK, 31.5. 2008


    Aus Spass wird Kunst
    Die japanische Mediengruppe Exonemo im plug.in

    Das Künstlerduo aus Tokio spielt mit digitalen Technologien und überrascht sein Publikum mit kniffligen Fragen: Können tote Avatare spuken?

    Shootout im plug.in: Durch das verdunkelte Untergeschoss hetzen virtuelle Militärs, Mündungsfeuer von Maschinengewehren flackert auf. Jeder Tod wird vom lakonischen Klang einer angeschlagenen Klaviertaste begleitet, der aus dem darüberliegenden Ausstellungsraum dringt. Dort steht ein Midi-gesteuerter Flügel und spielt von alleine, während die Pianisten im Keller gegenseitig auf sich schiessen. Wer es richtig krachen lassen will, bedient einen roten Knopf, der alle Soldaten gleichzeitig umwirft – sterben im dissonanten Akkord.

    Bis zur Eröffnung von «Un-Dead-Link» der japanischen Medienkünstler Exonemo wird sich die Poltergeistaktivität auf weitere Objekte ausdehnen. Dann rappelt es im Koffer, dreht sich der Plattenspieler, spult das alte Philips-Aufnahmegerät – auf einem Basler Flohmarkt erstanden und zu neuem Leben erweckt, wie die untoten Avatare des Ego-Shooters «Half-Life 2». Wiederverwenden, umfunktionieren, hacken: Seit 1996 experimentieren Sembo Kensuke und Yae Akaiwa mit digitalen Technologien, die sie aus ihrem Gebrauchskontext lösen und in neue Zusammenhänge stellen.

    Besonderes Augenmerk gilt dabei dem Internet. «Weil es schnell ist», begründet der gelernte Designer sein Interesse, «und weil es verändert werden kann.» – «Wenn wir Software schreiben», ergänzt die Bildhauerin, «soll unser Publikum es mitbenutzen können. Wir lassen uns gern überraschen, wir sind Teil des Publikums.» Wie aus dem Spass Kunst wurde? «Ich denke, wir stehen immer noch irgendwo dazwischen», lacht Akaiwa bescheiden.

    GRENZENLOS. Der tiefere Ernst liegt in den hintergründigen Wahrnehmungsverschiebungen. So spiesen Exonemo für «Natural Process» (2004) das Live-Bild einer vergrösserten Google-Webpage ins Internet – samt den Ausstellungsbesuchern, die vor die Kamera traten. Mit den Mobiltelefonen der neusten Generation gehöre das Web längst zum realen Lebensraum, «für uns gibt es da keine Grenzen mehr», sagt Akaiwa. Auch in «Un-Dead-Link» geht es um verwischte Grenzen, zwischen virtuellem Spiel und Alltag. Spieler können in einem Killergame aufleben und trotzdem «tot» sein für ihr physisches Umfeld; Avatare sterben, wenn nicht mit ihnen gespielt wird. Frivole Gedankenspiele? Vielleicht, aber der Tod hat in der Informationsgesellschaft viel von seiner Unverwechselbarkeit eingebüsst: «Reale Menschen sterben, wir lesen das jeden Tag in den Zeitungen», erläutert Akaiwa, «aber für viele ist es fast dasselbe wie der Punktestand in ‹Half-Life› – es sind nur Dateninformationen.»

    AUS DIE MAUS. Für den Gastauftritt des plug.in an der diesjährigen Liste haben Exonemo ein älteres Projekt wiederaufgenommen, einen mehrteiligen Totentanz mit Computermäusen, die zerhämmert, zersägt, ertränkt oder in der Bratpfanne geschmort werden. Und in DanmatsuMouse beschäftigt die beiden Japaner die Metaphysik der Abwesenheit: Die Maus stirbt, aber der Cursor ergibt sich nicht.