Shintaro Miyazaki, clickhere.ch, zu collectif_fact - mind the line

    Vom Kubismus im postdigitalen Zeitalter
    In gleich fünf Ausstellungen im Jahr 2006 zeigt die Genfer Künstlergruppe collectif_fact in neuen Arbeiten ein Interesse, ihre bis anhin cleanen Oberflächen zu dekonstruieren und in den realen Raum hinein zu entwickeln. Clickhere.ch begnete ihnen am letzten Dorkbotswiss Meeting, am 7. September im Zürcher Kunstraum Walcheturm.

    Kennen lernen konnte man collectif_fact schon länger, an der Viper, der Ausstellung der Eidgenössischen Kunstpreise oder 2005 an der Liste Basel in einer Förderkoje der National-Versicherung. Nun zeigen zwei Ausstellungen, die dieses Wochenende in Genf eröffnet wurden, und zwei in Basel und Baden geplante Einzel-Präsentationen, dass die Genfer Künstlergruppe weiterhin auf einem gutem Weg zum Erfolg ist.

    Neue Tendenzen
    Claude Piquet, Annelore Schneider und Swann Thommen, die drei Mitglieder des Kollektivs, sind Ende der 70er Jahre geboren, in Neuchâtel aufgewachsen und haben alle an der Genfer Ecole Supérieure des Beaux-Arts studiert. Sie benutzen digitale Bildtechnologien, um sich mit der Re-Synthese von Räumen und Welten auseinanderzusetzen. Beschäftigte sich collectif_fact bisher eher mit der künstlerischen Reflexion von 3D-Game-Ästhetiken, so dringen sie nun in die Weiten der Dekonstuktion vor. Zu sehen ist das etwa im Vergleich von «Datatown», dem ersten bekannter gewordenen Video von 2000 und «Circus», einer Videoinstallation von 2004. Ausschnitte daraus sind auf der Webpage des Künstlerkollektivs einzusehen.

    «Datatown» spielt mit urbanen Zeichensystemen wie Verkehrsschildern, Werbeannoncen, Leuchtschriften und Plakaten. Es handelt sich um eine noch weitgehend realitätsnahe Wiederherstellung eines Genfer Stadtteils bei Nacht. Zugleich kann «Datatown»auch als Metapher für ein Weltbild verstanden werden, das entlang der Informationsflüsse des Internets Form gewinnt. In «Circus», vier Jahre später, wird die Realität viel fragmentierter dargestellt. War «Datatown» eine gut gemachte Bilderreise durch eine futuristisch-aalglatte computergenerierte Stadtlandschaft, ist «Circus» ein verrückter Taumel über den dekonstruierten, 3D-photocollagierten Place du Cirque von Genf.

    In ihrer aktuellsten Arbeit «Enterraum» im Kunstmusem Thun näherte sich collectif_fact diesen Sommer dem etwas traditionelleren Kunstkontext und erweitert seine künstlerische Tätigkeit in den realen Raum hinein.

    Re-Entry
    Was sich bisher nur als Video oder höchstens als Videoinstallation erschloss, transformiert sich jetzt in die dritte Dimension: Digitale Fotografien von allen Seiten eines Gebäudes wurden im Masstab 1:10 verräumlicht und in einem kleinen Saal im Kunstmuseum Thun installativ präsentiert. Dabei hat collecit-fact einzelne Elemente wie Fenster oder Türen des Gebäudes isoliert und die Wände in der Tiefe zerteilt, so dass sie zwar von vorne vollständig sichtbar sind, sich aber von der Seite aus betrachtet in einzelne Teile auflösen.

    Präsentiert collectif_fact demnach ein postdigitales Re-Entry von kubistischen Konzepten? Darauf angesprochen meint Annelore Schneider, dass sie sich dieser Wirkung durchaus bewusst seien; schon einige Kunstkritiker hätten diese Verknüpfung hergestellt. Ähnlich den Kubisten interessiert sich collectif_fact für das Aufgliedern beziehungsweise Re-synthetisieren von scheinbar stabilen Gegenständen, für eine prozessuale Sicht auf die Welt.


    Ausstellungen:

    «Open House. Un regard sur la Création Genevoise»
    Musée Rath, Place Neuve, Genève
    12. September bis 8. Oktober 2006
    »Webseite zu Open House

    «Bourse Berthoud, Lissignol-Chevalier et Galland»
    Centre d'Art Contemporain, Rue des Vieux-Grenadiers 10, Genève
    12. September bis 8. Oktober 2006
    »www.centre.ch

    Ausstellung «Mind the Line»,
    [plug.in], St. Alban-Rheinweg 64, Basel
    28. September bis 15. Oktober 2006
    Künstlergespräch: 5. Oktober, 20.00 Uhr
    »www.weallplugin.org

    Ausstellung «Was sind wir doch winzig klein!»
    Kunstraum Baden, Haselstrasse 15, Baden
    25. Oktober bis 26. November 2006
    »www.kunstraum.baden.ch