Stränge des digitalen Zeitalters
In der Ausstellung «Histoires à l'ère numérique» im plug.in trifft das digitale Zeitalter auf zeitgenössische Kunst.
Noch vor wenigen Jahren war sie sehr en vogue, heute kaum mehr gebraucht: Die CD-ROM. Dieses Medium ist nur eines, das die Anfänge des digitalen Zeitalters geprägt hat und heute unter beinahe historischen Gesichtspunkten betrachtet werden kann. Die Ausstellung «Histoires à l'ère numérique» thematisiert diese Epoche: «Wir möchten verschiedene Stränge des digitalen Zeitalters aufzeigen, dabei werden einige Diskurslinien der 90er-Jahre aufgenommen», erklärt Annette Schindler, Leiterin des plug.in.
Die elf Exponate, fast alle auf CD-ROM, stammen aus der Sammlung «Espace multimédia Gantner», einem der wichtigsten Zentren für Medienkunst in Frankreich. Dieses liegt in Bourogne, ein knapp 2000-Seelen-Dorf auf dem Weg von Basel nach Belfort. «Das Zentrum bietet eine reichhaltige Dokumentationsstelle, daneben ist es ein Ort des Austauschs für Künstler und Publikum», erklärt Jean-Damien Collin, der die Sammlung ab 2001 mitaufgebaut hat und heute Kulturdirektor von Belfort ist.
Eines der Themen, welche das Experimentieren mit neuen Medien hervorbrachte, ist der Umgang mit einer riesigen Datenmenge. So beschäftigt sich Natalie Bookchin in ihrer «Databank of Everyday» (von 1996) mit dem Strukturieren von täglichen Vorgängen. Begriffen wie «exhale», «calculate» oder «maintain» ordnet Bookchin einen konkreten Vorgang zu, um in einem Manifest zu verkünden: «The digital revolution is here!»
Die «digitale Revolution» beinhaltet auch die Datenübermittlung: So war es in den 90er-Jahren eine kleine Sensation, dass Reiseberichte in Echtzeit gestreamt werden konnten. So bei Felix S. Huber und Philip Pocock, die in «Arctic Circle» (von 1996) mit ihrem Online-Reisetagebuch, einer Kombination von Texten, Fotos und Filmen, grosses Aufsehen erregten.
Mit der Verflechtung von subjektiver Erinnerung und historischer Überlieferung beschäftigen sich mehrere Arbeiten. So etwa Gita Hashemi in «Of Shifting Shadows» (von 2000), in dem iranische Frauen ihre persönliche Geschichte während der Revolution von 1979 schildern. Georges Legrady arbeitet mit der eigenen Erinnerung: In «Anecdotes from the Cold War» (von 1994) verwendet er Aufnahmen aus dem privaten Archiv der Familie und stellt so die persönliche Geschichte in direkten Bezug zu den politischen Geschehnissen.
Auch das Hinterfragen des linearen Erzählens gehört zum Diskurs der 90er-Jahre. Mit «Bilder der Berührung» (1998) zeigt Valie Export die Möglichkeit einer assoziativen Sichtweise auf. Kernstück ist das Video «Syntagma», das mittels Mausklick mit anderen Werken der Künstlerin angereichert werden kann.
Als einzige nicht-interaktive Arbeit wird Michael Mandibergs «The exchange program» (von 2002) gezeigt, ein 20-minütiger Film: Während zehn Tagen tauscht der Künstler seine Identität mit einer Frau, übernimmt neben deren Wohnung in Toronto auch deren Freunde und Familie. Dabei wird die Möglichkeit des Identitätstausches radikal durchgespielt.
Die Ausstellung im plug.in dauert noch bis zum 31. Mai 2009.