China is Calling
Yvonne Ziegler, 31.05.07
Drei rote Telefone hängen an der Wand. Is China calling? Man darf den Hörer abnehmen und hineinsprechen. Eine Antwort erfolgt, mit etwas Geduld, auf einer anderen Leitung. Spylab, Spionage-Laboratorium, nennt sich das amerikanisch-chinesische Künstlerduo Benjamin Bacon und Huang Haiyan. Kontrolle, Überwachung und Zensur kennen sie wohl beide.
Die Ausstellung „New Directions from China“ im Basler plug.in zeigt acht Werke chinesischer Medienkünstler. Paritätisch hat der in New York lebende chinesische Kurator Zhang Ga, der 2008 eine große Medienkunstausstellung im Nationalmuseum in Peking realisieren wird, vier junge und vier etablierte Künstler ausgewählt. Spylab sowie Wu Juehui zählen zur jüngeren Generation, ebenso Huang Shi (Stone), dessen Arbeit „Drift Bottles“ in Basel zu sehen ist. Die drei Flaschengeister bestehen aus einem Kasten, aus dessen Tiefe Licht durch eine Milchglasscheibe scheint und auf dem durchsichtige Flaschen mit ornamental verzierten Deckeln stehen. Man soll sie öffnen und ein Geheimnis hineinflüstern. Es blubbert. Im Inneren der Flasche ist ein Microcontroler in eine blaue feste Substanz eingelassen, der das Gesprochene speichert. Nimmt man den Deckel ab, so entweichen die Geheimnisse anderer. Zufallsgesteuert entrinnt ein Stimmgeist seinem Gefängnis. Die Arbeit spielt mit der Kombination von Ornament, Märchenerzählung und neuer Technologie, verbindet das Geheimnisvolle mit natürlicher Neugier, düsterer Spionage und alltäglicher Informationsflut.
Zhang Peili gehört hingegen zu den etablierten Videokünstlern, die in den 1980er Jahren das Medium für sich entdeckten. Er begann in den 90er Jahren alltägliche Gesten wie Kaugummikauen oder Kratzen durch videotechnische Narrationselemente wie Zeitlupe, Wiederholung oder Großaufnahme sichtbar zu machen. In Basel zeigt er in der Arbeit „Lowest Resolution“ eine Frau, die Übungen zum Augenentspannen vorführt, wobei das Nähertreten des Besuchers ein Unscharfwerden des Bildes auslöst, sich seine Augen anstrengen müssen, um überhaupt etwas zu erkennen. In der Realität bewirkt diese Arbeit also ihr Gegenteil. Wenig spektakulär nimmt sich dagegen die Arbeit des Malers und Konzeptkünstlers Geng Jianyi aus. Dieser führt seine Reihe von Büchern, die durch Ausstreichungen und Übermalungen ganz individuelle Fragen aufwerfen, nun in mechanischer Form weiter: Uniforme rote Bücher schlagen sich auf oder werden aus dem Regal geschoben.
Der Osten schaut zurück
Im hinteren Raum des plug.in ist die 3D-Projektion „Last Judgment of Cyberspace. Where will I Go?“ von Miao Xiaochun zu sehen. Große Digitaldrucke der Arbeit waren im Open Space der letztjährigen Art Cologne vertreten. Der Chinese, der an der Kunsthochschule Kassel studierte, hat bereits in früheren fotografischen Arbeiten den Blick des Ostens auf den Westen geworfen, indem er die Figur eines chinesischen Beamten aufstellte. Nun widmet er sich im Medium der Computeranimation der westlichen Religion und Kultur. Die Arbeit bezieht sich auf Michelangelo Buonarottis berühmtes Fresco „Das jüngste Gericht“ (1533-1541) aus der Sixtinischen Kapelle. Aus der Tiefe des Cyberspace nähert sich ein immer größer werdender Punkt, der allmählich als nackte männliche Figur in der Physiognomie des Künstlers erkennbar ist. Diese fragt fortwährend nach der Zukunft. Nach und nach tauchen Wolken und immer mehr Doubles der ersten Figur auf, die die gleiche Frage stellen. Was Michelangelo auf einem Bildfeld darstellt, schlüsselt Miao originalgetreu jedoch nacheinander auf: wie die Leidenswerkzeuge Christi herangebracht werden, die Himmelsleiter, die Trompeten und wie die Verdammten hinabgestoßen werden. Die christliche Weltanschauung der Renaissance scheint obsolet zu werden, stellt Miao doch die existentielle Frage nach der Zukunft des Menschen in der Ästhetik moderner Technologie. Statt der individuellen Subjekte Michelangelos wählt der chinesische Künstler die uniformen Klone unseres Zeitalters, die am Ende in den Cyberspace zurückfliegen. Anfang und Ende.
Nicht minder geisterhaft bewegt sich der Gesichtsabdruck von Lu Yang. Mittels Robotertechnik lässt die Künstlerin Augen- oder Wangenpartie der im Sandbett liegenden Gummimaske leicht vibrieren. Doch die für den westlichen Rezipienten überraschendste und merkwürdigste Arbeit stammt von Jin Jiangbo. Eine Akupunkturübungspuppe auf schwarzem Samtsockel soll mit Nadeln „behandelt“ werden. Je nach Ort des Einstichs erscheint ein anderer Kurzfilm auf der Leinwand. Es sind zumeist politische Karikaturen, die die Mächtigen der Welt zeigen. Konfliktstoff wie die Atombomben Nord-Koreas oder historische Ereignisse wie der 11. September 2001 werden in salopper Comicmanier vorgeführt und mit einem Sound unterlegt, wie man ihn von Computerspielen kennt. Ein westlicher Betrachter würde vielleicht denken, dass hier der Daumen auf den wunden Punkt gelegt wird, doch ob das ein Chinese ebenso sieht? Akupunktur soll ja bekanntlich ins Stocken geratene Energie wieder zum Fließen und dadurch den Körper ins Gleichgewicht bringen. Soll also auf diese Weise vielleicht ein globales politisches Gleichgewicht hergestellt werden?
Chinesische Medienkunst im plug.in erweist sich als mit den Praktiken und Motiven eines globalen Künstlertums vertraut und schafft es dennoch mit Flaschengeistern mit Löwenkopf und Akupunkturpuppe zu überraschen.