Sören Schmeling, Regioartline, zu Exonemo - UN-DEAD-LINK, 27.6. 2008

    Können Computer weinen? Requiem auf den virtuellen Tod

    Kühl atonal, mal kräftig, dann wieder sacht spielt ein automatischer, wie von Geisterhand bewegter Flügel im Basler plug.in. Wer eine serielle Komposition von Stockhausen vermutet, wird enttäuscht. Die Töne sind Zufallsprodukte eines virtuellen Kampfes zwischen Soldaten des Computerspiels „Half-Life 2“. In ihrer Installation „Un-Dead-Link“ lässt das Künstlerduo Exonemo aus Tokio in der Dunkelheit des Kellergeschosses einen Computer im Auto-Modus gegen sich selbst kämpfen. Das Spiel wird dort via Beamer über Eck auf zwei Wände übertragen. Jeder virtuelle Soldat löst je nach Schwere des Treffers einen Ton auf dem midi-gesteuerten Flügel im Erdgeschoss aus. Auf einem blauen Flatscreen, der versetzt über ihm hängt, ist die Nummer des Toten und die Schwere der Verletzung in Prozenten zu lesen.

    Automomie der Maschinen
    Der aufgeklappte Yamaha- Flügel aber ist nicht das einzige Instrument jenes maschinellen Requiems, dessen Noten die Computerereignisse im Untergeschoss sind. Drückt man im Keller einen angeleuchteten roten Knopf, löst man das geradezu infernalische Finale jener Totenmesse aus. Alle Soldaten sterben und oben hallt ein dissonanter Schlussakkord durch die Räume. Nicht nur der Flügel hämmert auf alle Saiten auch ein altes Tonbandgerät spielt beinah verschollene Bänder, die Kensuke Sembo und Yae Akaiwa beim Flohmarktbummel in Basel zufällig mit den Geräten gekauft hatten und die nun Beigabe zu den zahlreichen Elektrogeräten für die Ausstellung sind. Eine Rechenmaschine druckt Nullen auf Endlospapier und ein Reißwolf frisst sich zentimeterweise durch eine von der Decke herabhängende Papierrolle und hinterlässt ein weiteres Stück zerschnittene weiße Leere als Erinnerung an einen Toten aus der virtuellen Welt. Tischlampen blinken, ein Plattenspieler lässt einige Rillen Musik spielen, eine Nähmaschine vernäht ziellos in weißen Stoff den letzten roten Lebensfaden aus jener anderen Welt und ein alter Projektor wirft die verwaisten Dias seines Vorbesitzers auf den von der Nähmaschine herabhängenden weißen Stoff. In der letzten Ecke des Raumes rumpelt ferngesteuert ein schwarzer Aktenkoffer.

    Wozu dieses Konzert? Wozu diese schier sinnlosen Operationen der Maschinen? Maschinen zudem, die die Basler ausgemustert haben und die nun ein halbtotes Zwischendasein kurz vor der endgültigen Verschrottung fristen. Gerade mit diesen alten analogen Maschinen, die durch ihre ortsgebundenen Vorgeschichten bereits von Vergänglichkeit zeugen, machen Exonemo den virtuellen Exitus der sich sonst nur synthetisch-digital äußert, physisch eindrücklich sicht-, hör- und fühlbar. Und die nutzlosen Hervorbringungen der Maschinen fungieren zudem als anonyme Erinnerungsstücke an die virtuell Gestorbenen. Denn im Gegensatz zu realen Personen, die in den Erinnerungen ihrer Nachfahren weiterleben, ist es den programmierten Charakteren nicht möglich, ohne Präsenz des realen Computerspielers fortzudauern, denn „die Erinnerungen dieser (virtuellen) Existenz kann in der geschlossenen Spielwelt nirgendwo leben.“ (Exonemo)

    Übergänge materialisieren
    Die Künstler versuchen in ihrem Projekt also nicht nur die Grenzüberschreitung zwischen virtuellem und realem Leben, sie wollen zugleich auch noch den Übergang zum Tod, überdies des virtuellen materialisieren. Wobei der anonyme Tod in der virtuellen Welt immer auch im symbolischen Zusammenhang mit dem Verlust realer Lebenszeit der Nutzer steht, die sie in jener anderen Welt verbracht haben.

    Für ihr teils tiefgründiges, teils humorvolles Bemühen immer wieder das „Missing Link“ zwischen Virtualität und Realität zu bilden, gewann das 1996 gegründete Duo 2006 die Goldene Nika der Ars Electronica. Ob sie nun Computermäuse in der Pfanne grillen, sie mit dem Auto überfahren und die Cursorbewegungen der verendenden Mäuse aufzeichnen oder eine Google-Seite auf die Wand eines Ausstellungshauses malen, um sie dann nebst der Passanten wieder via Webcam ins World Wide Web zu befördern, Exonemo surfen auf der Schnittstelle dieser scheinbar getrennten Welten und hinterfragen generell, ob Vorgänge in der virtuellen Welt per se immer nur ihren Auslöser in der Realität haben müssen. Für sie scheint es sich vielmehr um ein Wechselverhältnis, gar eine Interaktion zweier gleichberechtigter Systeme zu handeln.

    Melodisch fast und doch auch trostlos tönt das maschinelle Requiem im plug.in und diese Empfindung verstärkt sich, je deutlicher einem bewusst wird, dass man selbst beim traurigsten Miserere dem Computer kein Taschentuch reichen kann.