Das Netzwerk als Kunstwerk
Die Ausstellung "Surfing Club" stellt im Basler plug.in eine neue Generation von Internetkünstlern vor.
Üblicherweise erwartete man hier cooles Design, den Namen einer angesagten Marke vielleicht aber Google? Die weltweit dominierende Suchmaschine mag ja praktisch sein, aber ist sie auch etwas für die User, die sich wirklich auskennen? Das Surfboard mit dem Google-Schriftzug, das auf dem Schnappschuss zu erkennen ist, dürfte aus einem Souvenirshop stammen. Es sieht aus, als hätte ein Hobbykeramiker eine Geschäftsidee gehabt: Surfer-Nippes für den Schreibtisch. Ein wenig surfen muss man tatsächlich, um im Netz auf dieses Foto zu stoßen. Es steht neben Kommentaren, Grafiken, YouTube-Videos, Listen, Dokumentationen über Computerspiele aus dem Jahr 1982, Commercials über Lespulte auf der Seite der Nasty Nets. Solche losen Netzwerke und kollaborative Netz-Plattformen andere heißen Spirit Surfers, Loshadka sowie Club Internet und Vvork sind nichts Ungewöhnliches für eine neue Generation von Netzkünstlern. Manche von ihnen wirken wie ein kollektiv veröffentlichter Blog, der über gemeinsame Interessen, oft auch über einen ähnlichen Sinn für das Skurrile funktioniert. Diese Netzwerke bilden in der Ausstellung des Basler plug.in Surfing Club so etwas wie einen Nukleus, an den sich Künstler wie Petra Cortright, Aleksandra Domanovic oder Paul Slocum andocken, wenn sie diese Plattformen nicht sogar selbst gegründet haben.
Multitasking und das damit verbundene hierarchiefreie Sammeln ganz unterschiedlicher Phänomene, gehört zu jenen Fähigkeiten, die man gerne der viel beschworenen Generation der Digital Natives zuschreibt. Seit den 2000er Jahren existiert der Begriff. Er trennt jene, die mit dem Internet aufgewachsen sind, von den Digital Immigrants, die vor der Entwicklung des Netzes geboren wurden. Netz- und damit Kommunikations- und Informationskompetenz wird so zum bestimmenden Trennungsmerkmal zwischen den Generationen. 2008 veröffentlichten John Palfrey und Urs Gasser ihr Buch Generation Internet. Die Digital Natives: wie sie leben was sie denken. Wie sie arbeiten. Auch, so schreibt Palfrey in seinem Blog, um die eigenen Kinder besser zu verstehen. Zugleich aber hofften die Verfasser etwas über die Gesellschaft und die Zukunft zu erfahren. Mittlerweile sieht die Forschung die Auswirkungen des Internets entspannter und billigt dem einzelnen Individuum Spielraum zu. Dass die Autoren John Palfrey und Urs Gasser an einem interdisziplinären Forschungsprojekt über die Digital Natives arbeiten, das in Harvard und St. Gallen jeweils an den juristischen Fakultäten angesiedelt ist, dürfte kein Zufall sein. Denn Netzkunst im Internet tangiert Fragen des Urheberrechtes. In einem Interview stellte Annette Schindler, Leiterin des plug.in, im Jahr 2000 fest: Bei der Netzkunst gibt es kein eigentliches Original mehr, damit auch keine Kopien, die weniger wertvoll wären als das Original. Diese Tatsache verändert die Verhältnisse von Eigentum und Copyright grundsätzlich. Manche vertreten die Position, das Internet sei ein non possession medium. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Der User als Koproduzent
Was an den Arbeiten auffällt, die auf diesen Plattformen veröffentlicht werden, ist nicht nur der unbekümmerte Umgang mit dem geistigen Eigentum, sondern auch mit verschiedenen Codes. So überlagert Petra Cortright (*1986) in ihrer Arbeit Vvebcam die Aufnahme einer jungen Frau mit zahllosen Icons. Während die Frau mit unbeteiligtem Gesicht an der Webcam vorbei sieht, laufen Sterne oder Pizzaschnitten, wie man sie von kommerziellen Tools für Video-Chats kennt, am unteren Bildrand vorbei. Unweigerlich beginnt man die Icons als Verweis auf die Stimmung der Frau zu lesen, als würden sich hier die Seiten eines Online-Tagebuches aufschlagen. Eine wohl kalkulierte Illusion Cortrights. Aids-3D, die bei der letzten Ausgabe des Shift Festival der elektronischen Künste mit ihrer Installation Ghost Throne vertreten waren, produzierten gar mit dem Mode- und Kunstmagazin Sleek eine größere Bildstrecke. Daniel Keller (*1986) und Nik Kosmas (*1985) ließen sich dabei vom Modellbauer Timur Siquin unterstützen, um diese Szenografie einer versunkenen Welt des Wohlstandes auf der grünen Weise zu verwirklichen. Auch wenn der Gedanke von demokratischer Partizipation in den Hintergrund geraten sein mag, sind die Arbeiten nicht grundsätzlich unpolitischer als die älterer Netzkünstler. Aleksandra Domanovic (*1981) etwa erinnert mit Grobari an die Geschichte Jugoslawiens, wenn sie downloadbare Papierskulpturen schafft, deren aufeinander gestapelte Blätter die Kriegsgewalt und die Ausschreitungen bei Fußballspielen aufgreifen. Der User wird dabei zum Ko-Produzenten und zugleich Sammler ihrer Arbeit. Für die Ausstellung in Basel wird sie eine neue Installation entwickeln.
Joel Holmberg (*1982) lässt in Yahoo! Answers Questions ebenfalls die Internetgemeinde partizipieren. So stellt er auf der Yahoo! Answers-Website Fragen wie How much memory needs to exist für you to live online oder Whats the goal of personal ambition, die dann im Netz beantwortet werden, mal ernsthaft, mal werden sie als Scherz aufgefasst. Auch die künstlerischen Internetplattformen begreift er als offenen Prozess. Er selbst hat Nasty Nets mitbegründet, das er so charakterisiert: Wir wissen nicht, worauf es hinausläuft, was diese Interaktionen bedeuten. Wir teilen Links und Dateien, nicht aus Exhibitionismus, eher wie auf einer Pinnwand. Es ähnelt einer formalen Sprache, die sich anhand von Bildern und MIMEs entwickelt. Dinge, die populär werden, indem man sie macht. Ganz Ähnliches hätte die Pop-Art von sich sagen können.
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