Medienkunstszene - Ein Club von Autisten?
regioartline.org, 23. November 2003
Oft wird Medienkunst mangelnde Vermittlung vorgeworfen. Neben der Begegnung mit einem breiteren Publikum übernehmen Medienfestivals aber auch heimlichere Funktionen. Als Plattform von workshops und Symposien sind sie Kuppler für Insider. Was bringt das dem Publikum? von Annina Zimmermann
Auch workshops gehören zu einem lebendigen Festival: Hier etwa bereitet "staging dynamic
interferences" ihre Präsentation vom Montagabend vor.
Im [plug.in] in Basel arbeiten zurzeit unter Hochdruck Videoschaffende, Performer- und Szenografinnen mit Mitgliedern der Osloer Künstlergruppe Motherboard daran, "dymanische Interferenzen" (so der Titel des Workshops) zu inszenieren und bereiten ihre Präsentation an der diesjährigen VIPER am Montagabend vor. Das Basler Hyperwerk lud am Samstag zum Symposium, wo "augmented" und "fashionable technologies" verhandelt werden, die Hochschule Zürich organisierte ein Treffen über das Erhalten digitaler Kultur etc. etc. Gar nicht zu nennen, welche Fachausdrücke und -kürzel in Cafés und vor den Arbeiten zwischen Kennern hin und her geschoben werden.
Ideen tauschen...
Interessiert Sie das? Warum bietet ein zum grossen Teil öffentlich finanziertes Festival eine Plattform für Fachtagungen, die ein breiteres Publikum kaum erreichen werden?
Hinter dem eigentlich entscheidenden inhaltlichen - und für ein Laienpublikum auch nachvollziehbaren - Anliegen einer interaktiven Installation, ihrer räumlichen Inszenierung und Bildfiguration, verbirgt sich oft ein aufwändiger Entwicklungsprozess neuer Technologie. Was wir wahrnehmen, stellt so nur einen Bruchteil des kreativen Prozesses dar, der sich anonym hinter dem im Katalog genannten einzelnen Autorennamen versteckt. Nicht immer wäre neue Programmierung zwingend notwendig. Aufwändigere Installationen entstehen - mangels Alternativen - meist noch im Schulzusammenhang, wo Equipment und Knowhow sich sammelt und interdisziplinäre Teams noch billig zusammen zu stellen sind. Und so lange das so ist, so lange werden als Teil der Ausbildung oft neue Programmierungen entwickelt, wo oft auch eine neue Applikation bestehender den Dienst tun würde. Auch das ist ein Aspekt des Festivalthemas: Customize the ready made! Nutze die Kenntnisse deiner Kollegen und Kolleginnen! Internationale Festivals wie die VIPER sind eben auch deshalb notwendig: damit sich AutorInnen gegenseitig austauschen und voneinander abgucken können und so Ressourcen freisetzen für künstlerische, inhaltliche Recherche - was wiederum den künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten und damit auch dem Publikum zu Gute kommt.
...und einander über die Schulter schauen - hier z.B. Amanda Steggell von Motherboard.
Die diesjährige Ausgabe der VIPER hat neben einem üppigen Programm auch organisatorische Schwächen - vor allem die grandios verspätete Öffentlichkeitsarbeit und die kaum kommunizierten, eigentlich reichen Möglichkeiten, die AutorInnen selbst vor Ort befragen. Das sind verpasste Chancen. Dennoch ist neben der Vermittlung an ein breiteres Publikum auch gutes Recht und wichtige Funktion eines Festivals der Begegnung der AutorInnen unter sich Raum zu schaffen. Wer den "Autismus" von Medienkunst beklagt, kann natürlich mit bösem Gelderentzug drohen - so geschehen etwa an der Eröffnungsrede des Kulturverantwortlichen der Stadt Basel letzten Samstag. Viel besser aber liesse sich diese Überforderung der Autor/innen durch alternative effiziente Orte für den Fachdiskurs beheben und durch Druck auf die etablierten staatlichen Institutionen und Sammlungen, sich auch einmal in das Abenteuer Medienkunst zu wagen und die Vermittlungsarbeit nicht den AutorInnen selbst zu überlassen, aus deren Initiative solche Festivals entstanden sind und mit Anstrengung immer wieder erhalten werden.
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