Daniel Morgenthaler, Basler Zeitung, zu Surfing Club, 01.04.10

    Richtige Suchbegriffe statt falsche Utopien

    Undogmatische junge Internetkunst im Plug-in

    Von den net.art-Pionieren der späten 90er-Jahre haben sie zwar gelernt, sich übers Web zu organisieren. Ansonsten geht eine jüngere Generation von Künstlern aber unverkrampfter ans Potenzial des Internet heran, wie die Ausstellung «Surfing Club» im Plug-in zeigt.

    Da hilft kein Einbürgerungsverfahren auf der Welt: Entweder man ist ein «Digital Native», ein im Internet Aufgewachsener und Einheimischer, oder man ist zu früh geboren. Dafür hatte man dann damals das Privileg, es kommen zu sehen: Beim Anmeldefrust für die erste E-Mail-Adresse oder als man erstmals den Ton beim Einwählen des Computers in die Telefonleitung und den Begriff des Internet-Surfens hörte. Gerade an diesem wieder etwas in Vergessenheit geratenen Wort des Surfens – abgelöst von «Chats», «Podcasts» und «Communities» – lässt sich aufzeigen, dass eine jüngere Generation von Künstlern, die im Internet arbeiten, eine gewisse Nostalgie für dessen Anfangszeit verspüren: Sie nennen ihre gemeinsam betriebenen Netzplattformen nämlich «Internet Surfing Clubs». «Im Gegensatz zu den späten 90ern mit der net.art-Bewegung bezeichnet sich heute niemand mehr als Netzkünstler», erklärt Raffael Dörig, Kurator von «Surfing Club» im Plug-in. Das hat vielleicht auch damit zu tun, dass heute alle Künstler irgendwie Netzkünstler sind und fast jeder schon mit Web-Material gearbeitet hat. «Statt ein Ort grosser demokratischer Utopien ist für die hier versammelten Künstler das Internet etwas Alltägliches geworden», so Dörig. Statt das Netz in ihrem Sinn zu formen, verwenden die Künstler lieber die Defaults aus dem letzten Jahrhundert – etwa die 08/15-Schrift Times New Roman für das in der Ausstellung einsehbare Gemeinschaftsprojekt www.nastynets.com. Und statt mit grossen utopischen Worten hantieren diese Künstler lieber mit den richtigen Suchbegriffen.

    REAKTIONÄR. Guthrie Lonergan (1984 geboren) etwa hat in einer Datenbank «Artist Looking In The Camera» eingegeben und die filmischen Resultate zusammengeschnitten. Die Arbeit zeigt nicht zuletzt, dass auch im fortschrittlichsten Medium das reaktionärste Künstlerbild – fast alle Suchergebnisse
    pinseln an einer Staffelei herum – verfestigt wird. Im Gegensatz zu ihren Vorreitern scheuen sich diese Künstler auch nicht, das Netz in Richtung Ausstellungsraum zu verlassen. Die Slowenin Aleksandra Domanovic etwa printet ihre Skulpturen aus: Sind 7000 Blatt randabfallend bedruckt, ergeben sich auf den Seiten des Stapels Fotos von Belgrader Hooligans. Für die 29-Jährige sind das Monumente für die Domain-Endung «.yu», die Ende März abgeschaltet wird, und um die im Jugoslawienkrieg gestritten worden war.

    WEB-KRIEGE. Das Web als Kriegsschauplatz thematisiert auch Oliver Laric (geboren 1981) aus Berlin: Sein Videoessay zeigt auf, wie ein digital um ein Geschoss aufgebessertes Propaganda-Bild von vier soeben losgefeuerten iranischen Raketen im Netz ein wildes Eigenleben führte – bis Versionen mit einem Photoshop- Geballer von 40 Raketen in Umlauf waren. Und dass auch das eigene Abbild im Netz einen unberechenbaren Weg nehmen kann, zeigt Harm van den Dorpel (1981 geboren): Wenn man auf seiner Site www.etherealself.com den Warnhinweis ungelesen wegklickt, wird man gefilmt und landet – womöglich in der Nase bohrend – auf einem Monitor im Plug-in.
    Das verweist nicht zuletzt auch auf Seelenstrips in Communities wie Facebook – die die Ideale der net.art vollends durch die kommerzielle Wand gefahren haben. Kein Wunder, kommt bei diesen missratenen Utopien Nostalgie auf – und ist neue Subversivität gefragt. Zum Beispiel eben bei Suchbegriffen: Petra Cortright (geboren 1986) versieht ihre Video-Performances auf Youtube jeweils mit Hunderten von Begriffen – von «titties» bis «Britney Spears». Da ist – auch das ist Demokratie – für jeden was dabei.