Karen N. Gerig, Basler Zeitung, zu f18 17.09.04

    Der Roboter als Künstler
    Playground Robotics in Solothurn und Basel

    Schrauben, Sensoren, Kabel und Isoliertape: Das Atelier erinnert eher an einen Elektro-Bastelshop als an einen Kunst-Ort. Das Improvisieren mit Technik ist eine Spezialität des Hamburger Instituts f18, das seine Arbeit im Plug.In zeigt.

    Mit seinen Werken nimmt das Künstler-Kollektiv f18 eine Diskussion um die Grenze zwischen Kunst und Mechanik auf, die älter ist, als man angesichts des Werkzeugs, mit dem es operiert, vermuten könnte: Sie bauen leidenschaftlich gern Roboter aller Art. Mal ist es eine hölzerne Kiste, die sich raupenförmig über den Boden bewegt, mal ein skelettartiges Gebilde, das sich der australische Performance-Künstler Stelarc um den Körper schnallt.

    «Wir haben eine vollends andere Herangehensweise als Leute, die Technologie entwerfen. Es existiert kein wirklicher Plan. Wir arbeiten mehr nach dem Prinzip: Fehler machen und daraus lernen», meint Stefan Doepner, eines der Gründungsmitglieder des Instituts. Es sei der spielerische Umgang mit dem Material, der ihre Arbeiten als Kunst definiere. Ihre Skizzen dokumentieren diesen unorthodoxen Umgang mit der Technik. 3-D-Modelle und ähnliches gibt es hier nicht. Die Konzepte erinnern mehr an Entwürfe, die man auf eine Serviette skizziert, als an Pläne, nach denen komplexe Elektronik kreiert werden soll.

    Das Kunstmuseum Solothurn zeigt in der Ausstellung «Wenn Roboter zeichnen» solche Skizzen neben fertigen Exponaten - einem Malroboter und zwei Zeichenspinnen - und stellt das Œuvre des Instituts f18 in einen Kontext mit Werken von Künstlern, die man getrost zu ihren Vorgängern zählen darf. Maschinenzeichnungen von Bernhard Luginbühl beispielsweise, Dieter Roths Zirkelzeichnungen oder Jean Tinguely, der mit seiner Malmaschine Méta-Matic den Malrobotern der Hamburger am nächsten steht.

    AUTONOME ROBOTER. Während bei Tinguelys Apparat nur die Farbe und die Spieldauer bestimmt werden können, funktionieren diese f18-Roboter beinahe ohne Bedienung: Mittels Kontaktsensoren an ihren langen Beinen werden sie in unterschiedliche Richtungen gesteuert. Der Zufall spielt eine grosse Rolle. Auf dem Boden hinterlassen die Spinnen durch Filzstifte oder Ölfarbe ein Liniengewirr - das einzige, was übrig bleibt von ihrem bewegten Tun.

    Der Schweizer signierte die Werke seiner Malmaschine und versah sie mit einem Zertifikat, das auch den Benutzer der Maschine nannte. f18 unterlassen dies. Während Tinguely dem Gemälde Eigenständigkeit zuerkannte, ist für sie der Roboter das eigentliche, autonome Kunstwerk.

    Für den früheren Maler Doepner bringt die neue Beschäftigung trotzdem alte Überlegungen zurück: «Ob das, was die Malmaschine malt, Kunst ist, darüber kann man streiten. Am Schluss sortiert sowieso die Kunstwissenschaft ein. Ich mache mir dennoch dieselben Gedanken wie früher beim Malen, wenn ich mich frage, welche Farbe wann kommen soll. Nur dass nicht ich, sondern die Spinne die endgültige Form bestimmt.»

    Anfassen erwünscht. Wenn die Malroboter über den Boden sausen, sind vor allem Kinder fasziniert und selten davon abzuhalten, eines der kleinen Wesen in die Hand zu nehmen. Die Künstler nehmen das gelassen: «Wenn was kaputt geht, kann man es reparieren», meint Gwendolin Taube. «Wir unterstützen das Anfassen sogar. Bei den Workshops halten wir die Teilnehmer auch immer dazu an, Kurzschlüsse zu machen. Es geht darum zu erkennen, dass nichts Wildes dabei passiert.»

    Dieses Herabsetzen der Distanz ist den f18-Künstlern wichtig. Deshalb präsentieren sie ihre Werke selten in der White-Cube-Situation. Im Basler Plug.In richten sie während einer Woche eine Werkstatt ein, wo sie an ihren Projekten weiterarbeiten. Das Publikum soll ihnen über die Schulter gucken. «Wir wollen vermitteln, dass man sich mit Dingen auch von einer anderen Seite auseinander setzt», sagt Doepner. Also werden sich auch in Basel die Schrauben neben den Drähten stapeln. Und sich womöglich manch ein Besucher mit der Frage nach der Grenze zwischen Kunst und Technologie beschäftigen.
    KAREN N. GERIG