Karen N. Gerig, Basler Zeitung, zu Pronto, 08.09.09

    Hallo, wer spricht da?
    Eine Ausstellung im Plug-In erkundet die Welt des Telefons


    Nummer wählen, klingeln lassen, sprechen – im Zeitalter der Handys ist nichts einfacher als telefonieren.
    Die kleinen Kästchen bieten aber auch allerhand Potenzial für künstlerische Interventionen. Hat Ihr Büronachbar die nervige Angewohnheit, seine Privatgespräche für alle deutlich hörbar in den Hörer zu brüllen? Dann könnte das «Catapult Mobile» die Lösung für Sie sein. Mittels eines Knopfes am eigenen Telefon lässt sich damit ein gesprochener Text aufs Telefon des Nachbarn senden, der ihm in aller Schärfe klarmacht, dass er seine Stimme zu senken habe.
    Leider gibts das Telefon noch nicht in Serie, sondern es handelt sich dabei um ein reines Kunstprodukt eines Teams der Innovationsfirma Ideo London. Insgesamt vier dieser «Social Mobiles» haben die Briten erdacht, darunter auch eines, das Elektroschocks aussendet, wenn zu laut gesprochen wird. Das Plug-In bewegt sich aktuell durch die Welt der Telefonie. Zwölf Werke aus 17 Jahren zeigen, wie Künstler sich spielerisch-experimentell und zugleich kritisch-reflexiv mit der gesellschaftlichen Wirkung des Telefons auseinandersetzen. Das bekannteste ist wohl die Videoarbeit «Telephones» (1995) von Christian Marclay. Der Amerikaner hat Telefonszenen aus diversen Hollywoodfilmen aneinandergereiht, sodass eine Art Gespräch quer durch die Filmgeschichte entsteht. In der Schweiz nicht weniger populär ist das Projekt «Opera Calling» der Mediengruppe Bitnik. Zufällig ausgewählte Einwohner Zürichs wurden im Jahr 2007 mit einem Anruf aus dem Opernhaus verwöhnt und durften dem «Rosenkavalier» von Richard Strauss lauschen. Bitnik schafften es damit ins Fernsehen – wegen illegalen Abhörens der Oper Zürich.
    FALSCH VERBUNDEN. 1992 schon hatte die Gruppe «Hirn-lein» mit einer Aktion Schlagzeilen gemacht.
    Sie nahm sich der Kontroverse um die kostenpflichtigen 156er-Nummern an und schalteten eine eigene auf, die laut Inseraten ein Blutbad oder den Bau einer UFO-Landebahn versprach. Wer die Nummer wählte, dem wurden wahnwitzige Geschichten ab Band erzählt. Bei Christian Croft und Andrew Schneider hingegen hört man keine erfundenen Geschichten. Die beiden Amerikaner zapfen über die Bluetooth-Funktion der Mobiltelefone mit einem Computer die Handys an und verbinden dann die Telefone wildfremder Menschen miteinander – was auch zu abstrusen Gesprächen führen kann.
    Die Ausstellung im Plug-In erzählt aber nicht nur von Experimenten rund ums Telefon, sondern auch vom technischen und kulturbedingten Wandel desselben.
    Das «Tantalum Memorial» von Graham Harwood, Richard Wright und Matsuko Yokokoji thematisiert die Kriege in Kongo, die hauptsächlich wegen des Metalls Tantalum geführt werden, das zur Herstellung von Mobiltelefonen verwendet
    wird.
    Das Memorial hat die Form eines Telefonrelais aus den 1930er-Jahren – ein grosser Metallkasten, wo jede Nummer noch ihren eigenen Anschluss hat.
    In unmittelbarer Nachbarschaft zu diesem handfesten Denkmal präsentieren Cada ihre virtuelle Mobiltelefonapplikation «Today», welche die Anrufe und SMS-Nachrichten der Telefonbesitzer in ein täglich wechselndes Kunstwerk verwandelt. Das Plug-In zeigt diese und noch andere Facetten des wohlbekannten Gebrauchsgegenstandes, aber vor allem eins: Das Telefon mag inzwischen ein kleines Kästchen sein, das immer noch kleiner wird. Der Mythos darum aber wächst und wächst.
    Und die Künstlergemeinde hat ihre höchst individuellen und unterhaltsamen Ideen dazu.