Nathalie Baumann, Basler Zeitung, on Ying Gao, 31.01.2009

    Strom der Zeit

    Das Plug.in hat eine dichte Geschichte

    Auch wenn sie inzwischen in den etablierten Diskurs integriert ist: Die Medienkunst verpasst der Kunstszene immer wieder virtuelle Denkzettel.

    Zehn Jahre. Was sind schon zehn Jahre, hört mans gelegentlich seufzen. Für Evolutionsbiologen oder Weltverbesserer ist das in der Tat ein Klacks, für IT-Tüftler und Computerhistoriker hingegen eine Ewigkeit. Also schreiben wir hier mit ruhigem Gewissen: Das Plug.in gibt es schon seit einer Ewigkeit. Seit 1999, als man zwischen dem Aufstarten des Computers und dem Arbeitsbeginn noch schnell mal in den Urlaub fahren konnte. «Wir sind zwar noch jung, aber in unserem Gebiet ist in der kurzen Zeit unheimlich viel passiert», sagt Direktorin Annette Schindler mit Verweis auf die Entwicklung der Technologie und der Medienkompetenz in den letzten Jahren.

    OFF-Stimme. Gegründet wurde das Plug.in, um eine Plattform für Medienkunst zu schaffen, die in der klassischen Museenlandschaft noch stark untervertreten war. Wie in ihren Anfängen die Foto- und Videokunst war sie zu Beginn vom etablierten künstlerischen Diskurs ausgeschlossen. Erst allmählich hat man erkannt, dass auch sie zu einem Bestandteil unseres kulturellen Erbes wird. In der Avantgardezeit wurden in der Medienkunst vor allem interaktive Technologien eingesetzt – etwa in grossen sensorgesteuerten Installationen. In den Neunzigerjahren kam die Internetkunst dazu und damit eine gewisse Demokratisierung. Die Community wurde wichtig oder das Zusammenfallen von Produzent und Konsument. Ihre spezifische Funktionsweise prädestiniert die Medienkunst dazu, die etablierten Instanzen des klassischen Kunstbetriebs zu hinterfragen. Zum Beispiel den Kurator. Ob es den noch braucht, wenn sich die Künstlerin durch das Internet selbst Öffentlichkeit schaffen kann?

    UMZUG. Medienkunst ist zwar hip, aber schwierig in den Kunstmarkt zu integrieren, weil sie oft prozessualer Natur ist und ungewöhnliche Formate aufweist. Auch vermittlungstechnisch ist sie eine grosse Herausforderung. Das aber mache genau ihren Reiz aus, wie Schindler sagt. In mittlerer Zukunft stehen einige Veränderungen an. Bis 2012 will das Plug.in seine Zelte am St. Alban-Rheinweg abbrechen und aufs Dreispitzareal ziehen. Schindler hat die Vision, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur HGK und weiteren Kunsthäusern ein schweizerisches Kompetenzzentrum für Medienkunst entwickeln könnte.

    An den Kragen gehen

    Ying Gao kombiniert Mode und Technologie

    Die chinesisch-kanadische Künstlerin Yin Gao (35) macht Kleider, die man nicht einfach in den Kasten hängt. Mode kann ein Gradmesser dafür sein, was ihre Träger umtreibt. Ein textiles Statement sozusagen. Das exerziert zum Beispiel «Lindice de l’indifférence» durch, eine Arbeit der chinesisch-kanadischen Modesignerin Ying Gao, deren Werk derzeit im Plug.in zu entdecken ist. Mittels Hemden visualisiert sie statistisch verbürgte Gleichgültigkeit. Während einer Woche verfolgte Ying Gao interaktive Meinungsumfragen verschiedener Zeitungen zu politischen und wirtschaftlichen Fragen. Sie griff die «Weiss nicht»-Antworten heraus und schneiderte demgemäss Hemden. Die eine Serie reflektiert die zunehmende Unentschlossenheit durch überdimensionierte Ärmel, überzogene Kragenspitzen oder verzerrte Winkel. Die zweite Serie zeigt im Unterschied die Gefrässigkeit der Unschlüssigkeit. Wie sie breite Gräben in die Textilien hineinpflügt und unzusammenhängende Nichtse hinterlässt. In Fetzen hängt der Stoff vom Bügel – leidlich von den eindeutigen Antworten – «Ja» oder «Nein» – zusammengehalten.

    Automatisch . Ying Gao arbeitet an der Schnittstelle von Mode und Technologie, wobei sie Letztere in je unterschiedlicher Intensität in den kreativen Prozess integriert. In «(uni)forms» lag dieser ganz in der Obhut des Computers, der, inspiriert durch je eine Uniform aus den Zwanziger- und aus den Vierzigerjahren, Varianten davon designte. Modelle, die zu entwerfen keinem Menschen in den Sinn gekommen wäre.

    ASTRAL. Eine andere Rolle spielt die Technologie in «Swiss Quality 1», einer Arbeit, welche dieses Jahr entstanden ist und Ying Gaos Assoziationen mit der Schweiz materialisiert. Das Design kreist um die Begriffe «Ausgewogenheit, Präzision und Individualität». Die Künstlerin verarbeitete dafür die Stoffe fünf verschiedener Schweizer Textilfirmen – darunter Hausamman + Moos und Jakob Schlaepfer. Die jeweils zwei Etiketten repräsentieren die Zugstrecken, welche Ying Gao bei ihrer Recherchereise zurücklegte, sowie die Zeit, die sie jeweils auf den Anschlusszug warten musste. Im Kreis hängen die fünf elegant geschnittenen Hemden von der Decke und wirken gar nicht bodenständig. Eher extraterrestrisch. Als hätte man sie von einem fremden Stern heruntergelassen. Geschnitten sind sie übrigens so, dass man sie alle übereinander tragen könnte. Noch ist ja der Winter nicht zu Ende.

    Zwischen Funktionalität und Sinnlichkeit

    Wearables. Plug.in-Direktorin Annette Schindler führt exklusiv für BaZ-Leserinnen und -Leser in das Feld der «Wearables» ein. Vorgestellt werden poetisch-experimentelle Projekte bis hin zur gebrauchsorientierten Integration von Computern, Musikplayern oder Telefonen in Kleidungsstücke. Mit Ausstellungsrundgang, Apéro und «Bhaltis» (ein Set mit Mini-Objekten und digitalen Kunstprojekten). Teilnehmerzahl beschränkt. Anmeldungen via E-Mail: office@iplugin.org.

    > Plug.in, Basel, St. Alban-Rheinweg 64, Sonntag, 15. Februar, 14–15 Uhr.

    «Ohne Steckdose läuft bei uns nichts»

    Annette Schindler und Raffael Dörig über Besucher und Strom

    Interview: Nathalie Baumann
    Direktorin Annette Schindler (46) und Kurator Raffael Dörig (32) erklären, wie das Plug.in zu seinem Namen gekommen ist.

    BaZ: Frau Schindler, jüngst hörten wir jemanden sagen: «Das Plug.in ist ja gar kein Museum.» Ist es keins? Und wenn nicht, was ist es dann?

    Annette Schindler: Das Plug.in ist insofern kein Museum, als es mit Ausnahme einer kleinen Mediathek keine Sammlung hat, wie das sonst für Museen üblich ist. Mit unserem Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm ähneln wir eher einer Kunsthalle.

    Wie ist das Plug.in zu seinem Namen gekommen, und inwieweit ist dieser Programm?

    Annette Schinder: Plug-ins sind ja digitale Erweiterungsprogramme für Softwareprodukte. Zwischenstücke, welche die Interaktion mit einer anderen Software ermöglichen. Die Vermittlungsplattform Plug.in agiert an der Schnittstelle zwischen Künstlern und den Besuchern. Sie erweitert hoffentlich die Teilhabe am künstlerischen Diskurs über Technologien, die wir täglich nutzen und von denen unser Handeln und Denken ja zunehmend bestimmt wird. Der Name ist auch insofern programmatisch, als bei uns ohne Steckdose nichts läuft. Und das Schild «Ausser Betrieb» ist im Plug.in tabu.

    Für viele Kunstliebhaber ist die Technik allenfalls ein Mittel, Kunst her- oder darzustellen, aber nicht ein an und für sich kunstwürdiges Objekt. Sie sehen Kunst und Technik als Widerspruch. Expressivität und Kreativität gegen Regelhaftigkeit und Logik. Was entgegnen Sie darauf?

    Raffael Dörig: Die Aufgabe der Kunst ist die Auseinandersetzung mit denjenigen Phänomenen, die unser Leben prägen – zum Beispiel die Technik. Unser Alltag ist dergestalt von ihr durchdrungen, dass es geradezu eine Unterlassungssünde wäre, sie nicht künstlerisch zu reflektieren.

    Annette Schindler: Ich nehme Medienkunst oft als sinnlich, verspielt und verführerisch wahr. Oftmals gelingt es ihr, Gattungsgrenzen zu sprengen, indem sie Ton, Bild, Text, Raum und Interaktion integriert und damit im besten Fall tatsächlich immersiv wird.

    Wir hören gelegentlich, Medienkunst sei etwas Abgehobenes. Wahr oder falsch?

    Raffael Dörig: Überhaupt nicht wahr. Uns kann man jederzeit fragen kommen. Im Unterschied zu anderen Institutionen steht unser Büro mitten im Ausstellungsraum.